Jens Wietschorke, Neun Sterne für Warschau: Das Generalgouvernement im Baedeker
las Lane nicht ganz recht: Keineswegs sind hier nur die Auslassungenvon Interesse, sondern der Text dokumentiert in Inhalt wie Darstel-lungsform sowohl das nationalsozialistische Raumkonzept» deutscherOsten«<, als auch- wie verspiegelt, verzerrt, verleugnet auch immer – dieVerhältnisse des Jahres 1943 auf einem der Hauptschauplätze der NS-Kriegsverbrechen. Man muss ihn nur zu lesen verstehen: eine Aufgabe,die über bloẞe historische Quellenkritik hinausgeht. Denn hier habenwir es mit einem Dokument zu tun, das bis in sprachliche Feinheitenhinein die deutschen Obsessionen im Osten samt deren Scheitern offen-legt. Gerade das unverdächtige Medium des Reisehandbuchs erweistsich als ein starkes Instrument der Repräsentation, Klassifikation undBeherrschung von Raum.13
Was Baedekers Generalgouvernement zu einem so beklemmend deut-schen Dokument macht, ist die für das Informationsangebot des Baede-ker charakteristische Kombination aus reibungsloser Organisation undbildungsbürgerlichem Pathos. Der kompakte Band spiegelt in seinenpraktischen Reiseinformationen die Präzision eines perfekt arrangier-ten büro- und technokratischen Getriebes und breitet zugleich in seinenStädtebeschreibungen den Reichtum humanistischer Bildung aus. Sau-bere Logistik und feiner Kunstverstand greifen ineinander: Da herrschtauf der einen Seite die Kälte der Disposition, bis hinein in die Skalierungder Distanzen, der Fahrzeiten, der Bevölkerungszahlen und Aufnahme-kapazitäten. Etwa in der Beschreibung einer Teilstrecke der BahnlinieWien- Krakau, einem bis zum Extrem verknappten Schreckstück deut-scher Prosa der frühen 1940er Jahre:
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» Die Bahn nach Krakau führt nordöstlich weiter über( 348 km)Auschwitz, eine Industriestadt von 12 000 Einwohnern, ehemalsHauptort der Piastenherzogtümer Auschwitz und Zator( HotelZator, 20 B.), von wo eine Nebenbahn über Skawina( 49km) nachKrakau führt( 69 km in 3 St.)«. 14
Eine neue, mit Lefebvres raumtheoretischen Ansätzen argumentierende Studie zumZusammenhang von Raumrepräsentation und deutscher Besatzungsherrschaft imOsten ist eben erschienen: Tatjana Tönsmeyer: Raumordnung, Raumerschließungund Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg. Plädoyer für eine erweiterte Besat-zungsgeschichte. In: Zeitschrift für Ostmitteleuropa- Forschung 63, 2014, S. 34–48.Baedekers Generalgouvernement( wie Anm. 2), S. 10. Hervorhebung im Original.
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