96 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXVIII/ 117, 2014, Heft 1+ 2
zwischen dem» deutschen« und dem» slawischen Osten« ein für allemalzu entscheiden. Gerade die exponierte Position zwischen dem Reichs-gebiet und den Reichskommissariaten Ostland und Ukraine machte diebesetzten zentral- und südpolnischen Gebiete aus Sicht der deutschenGeopolitiker wahlweise zum» Vorplatz« oder» Nebenland«< des Rei-ches.10 Im Baedeker wird die Ambivalenz der geopolitischen Zuordnungin einem als Motto vorangestellten Satz des Generalgouverneurs HansFrank greifbar:» Für die aus dem Osten nach dem Reich Reisendenist das Generalgouvernement bereits ein stark heimatlich anmutendesGebilde, für die aus dem Reich nach dem Osten Reisenden aber ist esder erste Gruß einer östlichen Welt«." Das klingt beim ersten Hinhö-ren fast nach freundschaftlichem Kulturkontakt, aber die Koexistenzverschiedener ethnischer Gruppen war 1943 längst keine Option mehr,der Osten sollte so radikal wie möglich zur» deutschen Heimat« wer-den. Was Geographen wie Karl Haushofer und Albrecht Penck, flan-kiert von einem ganzen Aufgebot von Historikern, Volkskundlern undRasseforschern- Albert Brackmann, Hermann Aubin, Max HildebertBoehm, Bruno Schier, Theodor Oberländer und andere sind zu nennenin den 1920er und frühen 1930er Jahren mit der Idee vom» deut-schen Volks- und Kulturboden« entwickelt hatten, wurde nun in brutaleHerrschaftspraxis übersetzt. 12 Baedekers Generalgouvernement bietet eineerhellende Momentaufnahme dieses Prozesses, verpackt in die Sprachedes deutschen Bildungsbürgertums, für das die roten Reisehandbücherkonzipiert und produziert worden waren. In diesem Sinne hat Nicho-
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Als Überblicksdarstellungen vgl. u.a. Christoph Kleẞmann: Die Selbstbehauptungeiner Nation. NS- Kulturpolitik und polnische Widerstandsbewegung im Gene-ralgouvernement 1939-1945. Düsseldorf 1971; Bogdan Musial( Hg.):» AktionReinhardt«<. Der Völkermord an den Juden im Generalgouvernement 1941-1944.Osnabrück 2004; Ders.: Recht und Wirtschaft im besetzten Polen. In: JohannesBähr, Ralf Banken( Hg.): Das Europa des»> Dritten Reiches«<. Recht, Wirtschaft,Besatzung. Frankfurt a. M. 2005, S. 31–57.
Baedekers Generalgouvernement( wie Anm. 2), S. IV.
Zum Komplex der deutschen» Ostforschung« vgl. Mechthild Rössler:>> Wissen-schaft und Lebensraum«. Geographische Ostforschung im Nationalsozialismus.Berlin 1990, und Michael Burleigh: Germany Turns Eastwards. A Study of>> Ost-forschung« in the Third Reich. London 2002. Für einen ersten Überblick vgl. Mar-kus Krzoska: Ostforschung. In: Ingo Haar, Michael Fahlbusch( Hg.): Handbuchder völkischen Wissenschaften. Personen- Institutionen- Forschungsprogramme- Stiftungen. München 1998, S. 452–463.