68 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXVIII/ 117, 2014, Heft 1+ 2
sich selbst heraus. Aber nicht überflüssig ist doch der Hinweis, daß nundie einzelne Gebärde mit einer großen Last versehen und beschwert wird:sie soll und muß jetzt leisten, was früher die Szene auf einen Blick zu sagenwußte; sie soll nun Transzendenz in sich selber haben- und bleibt doch imgewöhnlichen Diesseits und in der Fiktion befangen. In Franz Defreg-gers Bild» Tischgebet«< von 1875 gerät die Gebetsgebärde in tiefblicken-der künstlerischer Analyse zu einer Haltungsübung: zwischen Pfannen,Hund und Hühnern legt die Großmutter dem jüngsten Enkel die Händ-chen zusammen, und die andern zeigen ihm, wie's richtig geht<, und daßsie> es< längst> können<. 25 Die Gebärde des Gebets emanzipiert sich ausder geschrumpften alten religiösen Szene und soll leisten, was man nichtmehr sagen mag; und zeigen kann: nämlich den Zielpunkt des Gebets.Es ist nun symptomatisch für diese neuzeitliche Tendenz, daß sie dieursprüngliche Szene, der schon ihr Himmelspunkt abhanden gekommenwar, noch heftiger auf den Anteil der menschlichen Tätigkeit reduziert-nämlich auf die isolierte Geste der Andacht und des Gebets, die zugleicheine Gebärde des Als- ob ist, weil wir nur vermuten können, daß ihr Autorsie im Glauben vollzieht und nicht in einem Akt der Heuchelei uns vor-spielt. Die alte Szene ist nicht nur auf ihren irdischen Pol geschrumpft,wie es uns die Tischgebetsbilder zeigen, sondern am Ende aufs Frag-ment. Das lehrt uns das in christlichen Kreisen, aber auch darüber hinauspopulär gewordene Bildmotiv der> Betenden Hände<.
Es geht um eine Tuschpinselzeichnung Albrecht Dürers aus demJahr 1508 eine Vorstudie zu den Händen eines Apostels auf dem Mit-telbild des sogenannten Heller- Altars. Das Blatt wurde erst in den sieb-ziger Jahren des 19. Jahrhunderts bekannt, trat aber rasch einen Sieges-zug der Beliebtheit an, der bis heute anhält 26- hier hat also die Rezeptiondie ursprüngliche Szene aufs Fragment verkürzt. Daß diese Fragmentie-rung des ursprünglichen religiös- ästhetischen Konzepts den Sinn nicht
25 Ich entnehme die Tongravüre einem seinerzeit gewichtigen Band für's frommeHaus: Karl August Busch( Hg.): Von der Wiege bis zum Grabe. Ein Haus- undLebensbuch in Poesie und Prosa aus Dichtung, Philosophie und Religion. 5. Aufl.Dresden 1930( 1. Aufl. 1926), nach S. 40.
26 Vgl. Günter Busch: Über einige Darstellungen des Gebets in der Bildkunst desneunzehnten Jahrhunderts. In: Triviale Zonen in der religiösen Kunst des 19. Jahr-hunderts. Frankfurt a. M. 1971, S. 131-147; hier: S. 133 f.; Wolfgang Brückner: DieSprache christlicher Bilder(= Kulturgeschichtliche Spaziergänge im GermanischenNationalmuseum[ Nürnberg], 12). Nürnberg 2010, S. 96 f.