Martin Scharfe, Das Antlitz der Andacht
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haben und empfinden: Ich meine Caspar David Friedrichs Gemälde ausdem Jahre 1808, das wir unter der Bezeichnung › Das Kreuz im Gebirge<kennen; und doch birgt das Bild in sich selbst die fundamentalste Stö-rung der alten frommen Szene. Denn das Gemälde, dessen Rahmen esja noch heute als Altarbild ausweist(> Tetschener Altar<), ist wie jedesAltarblatt als Teil einer Szene zu sehen: die Gläubigen ausgerichtetund bezogen auf Ankündigung und Hoffnung des Heils. So hat derMaler auch sein Bild sehen wollen, wir kennen die Beschreibung undDeutung des Werks aus seiner Feder. 19 Gemalt aber hat er etwas ganzanderes: Nicht nur ist hier der Christusblick vom Betrachter, vom Men-schen ab- und der Natur in der Ferne zugewandt, sondern die Gestaltdes Erlösers borgt auch noch ihren Glanz vom Naturlicht der Sonneund vor allem: wir sehen nicht das Abbild Jesu Christi selbst, sonderneinen aus glänzendem Metall gegossenen Corpus, ein Zitat also, ein Sur-rogat, eine Attrappe, eine buchstäblich leere Hülse. Was als Rettung undhöchste Steigerung der Religion gedacht und behauptet war, erweist sichbei näherem Zusehen als ihre Auflösung.20
Aber Irritation geht nicht allein von der abgewandten Christus-Attrappe aus: trotz allem Aufwand an warmtöniger Malerei strahlt dasBild auch eine gewisse Kälte aus, eine frösteln machende Verlassenheit²¹,Vorspiel vielleicht jener Prozesse der Vereinsamung und des Zerfalls,welche die alte religiöse Szene insbesondere seit dem 19. Jahrhundertuntergraben.
Am beeindruckenden Werk Ludwig Richters, dieses Vormanns des> deutschen Hauses<( als eines christlich definierten kleinbürgerlichenHauses, und Wilhelm Heinrich Riehl wäre der zugehörige Theoreti-ker!), läßt sich der Prozeß der Schrumpfung der alten religiösen Szenerecht gut aufzeigen und zwar am beliebten Bildmotiv der häuslichenAndacht, des Abend- und des Tischgebets. Einer der Holzschnitte ausdem Jahr 1855 zeigt die Familie- Vater, Mutter, fünf Kinder-- um denTisch versammelt. Der Hausvater hat die Bibel- als Medium des verge-
19 Vgl. Caspar David Friedrich: Was die fühlende Seele sucht. Briefe und Bekennt-nisse. Hg. von Sigrid Hinz. Berlin 1968, S. 119 f.(» Auf einem Felsen steht auf-gerichtet das Kreuz, unerschütterlich fest wie unser Glaube an Jesum Christum<<usw.).
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Ich darf hier einige Sätze wiederverwenden( und leicht variieren) aus meinem Buch:Über die Religion( wie Anm. 9), S. 233.
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