Aufsatz in einer Zeitschrift 
Das Antlitz der Andacht : zum Bedeutungswandel der religiösen Szene: Gebärde und Manier
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62 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXVIII/ 117, 2014, Heft 1+ 2

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vor dem Bildstock erkläre dem Kind die Geheimnisse des Glaubens.16( Abb. 4) Doch die Nische des Bildstocks ist dunkel und leer, es gibt danichts zu erklären, und der Bub scheint ungeduldig am Gitter zu rütteln.So erblickt, wer sich offene Augen verschafft hat, im 19. Jahrhun-dert auf Schritt und Tritt Störungen der alten frommen Szene Stö-rungen, die Brüche der alten Glaubensgewißheiten widerspiegeln. Lud-wig Richter, der so untadelige und großartige Darsteller des deutschenHauses der deutschen kleinbürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhun-derts, war, nach allem, was wir aus seinen Selbstzeugnissen wissen,gewiß ein frommer Mann." Und doch hat ihn sein Unbewußtes( manmöchte sagen:) gezwungen, in den fünfziger und sechziger Jahren des19. Jahrhunderts eine ganze Reihe von äußerst verstörenden Szenen zuzeichnen: Elends- und Verzweiflungssituationen Menschen in höchs-ter Not, die sich nicht mehr, wie einst, dem Gekreuzigten vertrauens-voll und gläubig zuwenden, sondern die sich, in ihr Leid versunken, vonihm abkehren; und gelegentlich ist gar noch wie zu allem Überfluß derStamm des Kreuzes abgeschnitten.( Abb. 5)

Man hat wohl bislang den Gestus der Abwendung in Bildern derreligiösen Szene viel zu wenig beachtet- sowohl den Gestus der Abkehrdes Menschen von seinem transzendenten Gegenüber als auch derhimmlischen Wohltäter selbst vom Menschen, so daß etwa das Abbilddes Erlösers dem Andächtigen das Hinterteil zukehrt. 18( Abb. 6)

Dieses Motiv der Abkehr erscheint noch gesteigert in einem Bild,das wir möglicherweise als den Inbegriff tiefster Frömmigkeit rezipiert

16 Vgl. dazu Martin Scharfe: Bildstock ohne Bild. Einige unauffällige Bilddokumentezur Geschichte der Frömmigkeit in der Steiermark( und anderswo). In: Blätterfür Heimatkunde. Hg. vom Historischen Verein für Steiermark( Graz) 87, 2013,S. 102–113.

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Zu Richter insgesamt vgl. Martin Scharfe: Störung und Heil. Ludwig RichtersVerharmlosung: ein Mißverständnis. In: Albrecht Esche( Hg.): Revision einerIdylle. Ludwig Richter zum 200. Geburtstag. Bad Boll 2003, S. 13-31.

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Vgl. z. B. die Illustration L. von Schliebens in einer Textsammlung mit dem bezeich-nenden Titel»> Aus der verlorenen Kirche«<: Rudolf Günther( Hg.): Aus der verlore-nen Kirche. Religiöse Lieder und Gedichte für das deutsche Haus. Heilbronn 1907,S. 124.Das Bild der verlorenen Kirche< stammt von Ludwig Uhland, der es ineinem Gedicht des Jahres 1812 verwendet hatte( der Dichter hat in der>> Verderbnisdieser Zeit<< beim Blick ins bemalte Gewölbe eines geheimnisvollen Domes imtiefen Walde die Vision eines offenen Himmels). Vgl. Ludwig Uhland: Gedichte.Hg. von Hans- Rüdiger Schwab. Frankfurt 1987, S. 220-222.