Martin Scharfe, Das Antlitz der Andacht
den Blick auf den Hochaltar mit seinen ewigen Verheißungen gerich-tet. Aber eindrücklicher ist jene andere Szene einer> ewigen Anbetung<in der Silbernen Kapelle allein schon wegen der Stille, die im oberenGeschoß der Hofkirche herrscht, weil nur selten einmal einer aus derMasse der Touristen den Weg über die Treppe findet.( Abb. 3) Werindessen hinaufsteigt, sieht links oben hinter dem verschlossenen Git-ter, das den Raum teilt, in Rückansicht einen auf einer Wandkonsoleknienden Ritter schräg vor dem schwarzen und silbernen Marienaltar:die Repräsentation des 1595 verstorbenen Erzherzogs Ferdinand II. vonTirol; sie gehört zu seinem seitlich darunter befindlichen Grabmal. Ichmeine, daß niemand, dessen Blick auf diese Installation fällt auf dieim Raum angeordnete Szene der ewigen Anbetung- unberührt und
unbewegt sein wird.
Nun liest man freilich in den historischen Darlegungen zu dieserInszenierung 12, der Erzherzog habe vor seinem Tode angeordnet, daßsein Harnisch in der Kapelle deponiert werde 13 – der Besucher, dem nurder Blick durch das verschlossene Gitter bleibt, kann also mit Recht fra-gen, ob das Visier des Helms offen oder geschlossen, ja ob der Gestaltdes Stifters überhaupt ein Gesicht verliehen sei. Wer sich das Gitter öff-nen läßt, wer also ins offene Visier blicken kann, sieht dann zwar einholzgeschnitztes( und übrigens ziemlich derb koloriertes) Antlitz; dochwird er sich auch bald eingestehen müssen, daß die Szene dieses Gesichtseigentlich gar nicht bedarf. Ihr Sinn bleibt derselbe, so oder so; derfromme Ausdruck liegt in der Szene selbst, fromme Mimik ist völligentbehrlich; ja man darf vielleicht, vom Innsbrucker Beispiel angeregt,sagen: die Hülle reicht. Doch läßt uns das Beispiel mit seiner Nähe zum
11 Vgl. Elisabeth Scheicher: Das Grabmal Kaiser Maximilians I. in der Hofkirche.Wien 1986; Monika Frenzel: Der Kenotaph Kaiser Maximilians I. in der Hof-kirche zu Innsbruck. Innsbruck 2003.
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Hier ist der im gegenwärtigen kulturwissenschaftlichen Diskurs fast inflationärgebrauchte und deshalb entwertete Ausdruck einmal wirklich angebracht!
13 Vgl. Johanna Felmayer: Silberne Kapelle. In: J. Felmayer u. a.( Bearb.): Die Kunst-denkmäler der Stadt Innsbruck. Die Hofbauten(= Österreichische Kunsttopogra-phie, 47). Wien 1986, S. 427-444; hier: S. 445; Franz Colleselli: Hofkirche, Maxi-miliansgrab, Silberne Kapelle Innsbruck. Innsbruck o. J.,( S. 15).- Die Stiftung istnatürlich in die lange Tradition der Weihegaben( insbesondere von Waffen, eigenenoder erbeuteten) einzuordnen.- Für Hilfe bei der Beschaffung einer tauglichenFotografie danke ich herzlich Dr. Herlinde Menardi, Innsbruck.
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