58 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXVIII/ 117, 2014, Heft 1+ 2
tet und so selbstverständlich erscheint, das Produkt einer späten Phase³und zugleich das Produkt einer Tendenz, die sich anheischig macht,die Religion zu retten, aber nicht weiß( und nicht wissen kann?), was dieKonsequenzen ihres Wollens sind.
Ich habe die alte Auffassung von Religion gelegentlich als › legalesChristentum< bezeichnet – also als eine Glaubensauffassung, welche dieReformatoren des 16. Jahrhunderts als> Gesetzlichkeit gebrandmarkthaben. Doch scheint exakt das Konzept des › legalen Christentums< auchdas der alten religiösen Szene gewesen zu sein: die metaphysische Kohä-renz des diesseitigen Lebens mit dem jenseitigen war vorausgesetzt,die richtige<, die regelgemäße fromme Handlung brachte das szenischzum Ausdruck- weshalb dieser Ausdruck völlig auf die Anzeichen vonEmotionalität und individueller innerer Beteiligung verzichten konnteund kann. Wenn wir also die alte religiöse Szene richtig verstehen( unddas heißt vor allem: wenn wir ihre räumliche Konstellation richtig ver-stehen!), sagt sie uns 10: in Zeiten und Verhältnissen fester religiöserBindung also in Zeiten und Konstellationen, da der Mensch frommsein will und fromm ist, weil er sich nichts anderes vorstellen kann, alsfromm zu sein zeigt allein schon die äußere Szene das Innere an; dabedarf es keinen frommen Gesichts.
Ich versuche diese erste These mit einer letzten Beobachtung zustützen. Das prächtigste Beispiel der Szene einer sogenannten> ewigenAnbetung ist gewiß das Monument Maximilians I. in der Innsbru-cker Hofkirche aus der Mitte des 16. Jahrhunderts: In Bronze gegos-sen kniet der Kaiser gekrönt und betend zuoberst auf dem Kenotaph,
8 Vgl. dazu Jon Mathieu: In der Kirche schlafen. Eine sozialgeschichtliche Lektürevon Conradin Riolas» Geistlicher Trompete«<( Strada im Engadin, 1709).In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 87, 1991, S. 121–143.
9 Vgl. Martin Scharfe: Über die Religion. Glaube und Zweifel in der Volkskultur.Köln, Weimar, Wien 2004, insbes. S. 87-110.
10
Ich profitiere also bei meiner Analyse vom Konzept des> szenischen Verstehens<,wie es von Alfred Lorenzer und seiner> Schule< entwickelt worden ist. AlfredLorenzer: Tiefenhermeneutische Kulturanalyse. In: Ders.( Hg.): Kultur- Analysen(= Psychoanalytische Studien zur Kultur). Frankfurt a. M. 1986, S. 11-98; vgl.auch die anderen Beiträge dieses Bandes sowie Jürgen Belgrad u. a.( Hg.): Zur Ideeeiner psychoanalytischen Sozialforschung. Dimensionen szenischen Verstehens.Frankfurt a. M. 1987.