Aufsatz in einer Zeitschrift 
Das Antlitz der Andacht : zum Bedeutungswandel der religiösen Szene: Gebärde und Manier
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54 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXVIII/ 117, 2014, Heft 1+ 2

wird> promulgiert also sinnlich kommunizierbar und gleichsam unterZeugen öffentlich gemacht. Dabei ist noch viel zu wenig bekannt, daßdie Tendenz zur Anheimstellung sich um Konfessionsgrenzen weniggekümmert hat losgelöst von konkreten Anliegen in kritischenLebenslagen ist sie im lutherischen Protestantismus in gleicher WeiseBild geworden."

Angesichts solcher Beispiele aus protestantischen wie katholischenRegionalkulturen hat die Betrachter oft gestört, daß die Äußerung derdoch offensichtlich hoch emotionalen innerlichen Vorstellungen sich soschwer visualisieren ließ jedenfalls fühlte man sich irritiert durch denUmstand, daß sich die Innerlichkeit nicht als> Individualität< zeigte( wiees unsere Moderne erwartet). Natürlich war es korrekt, daß die For-schung auf die geringe Kunstfertigkeit der handwerklichen Maler ver-wies; doch dieser Hinweis, so wichtig er ist, trifft nicht den Kern. DasUnpersönliche und Reihenmäßige der Anheimstellungsbilder hat nocheinen tieferen Sinn. Insofern hat Otto Ubbelohde gut daran getan, inseinen berühmt gewordenen Illustrationen der Grimmschen Märchendie Umzeichnung eines aus Stein gehauenen Epitaphs von 1596 zu ano-nymisieren.5( Abb. 1)

Die Irritation der Moderne über die wie ich jetzt sagen möchtealte religiöse Szene hatte aber noch einen anderen Grund: die Beobach-ter mokierten sich nämlich auch über den in ihren Augen merkwürdigenUmstand, daß die Gläubigen auf den Bildern nicht nur keine Individu-alität, sondern oft auch keinerlei Emotionalität erkennen ließen. DieAnbetenden und Votanten wirken ja in der Tat oft kalt und unbetei-ligt, vielleicht sogar derart abweisend maschinenmäßig, daß der moderneBetrachter und Interpret, der eine gewisse Wärme einer jeden religiösenEmpfindung als selbstverständlich voraussetzt, sich solches> Fremdeln<der Frommen nur mit der Ungeschicklichkeit und mangelnden Schu-lung der sogenannten Künstler zu erklären weiß; er bedenkt nicht, daßdie Unbeholfenheit des Malers aus schierer Not( um nicht zu sagen:

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Vgl. dazu Martin Scharfe: Evangelische Andachtsbilder. Studien zu Intention undFunktion des Bildes in der Frömmigkeitsgeschichte vornehmlich des schwäbischenRaumes. Stuttgart 1968, bes. S. 289-292(» Heilsgewißheit<<).

Vgl. z. B. Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Gesamtausgabe mit allenZeichnungen von Otto Ubbelohde. Hg. von Hans- Jörg Uther. München 1997,Band 2, S. 425( zu Nr. 5 der Kinderlegenden: Gottes Speise).