292 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIX/ 118, 2015, Heft 3+ 4
seinem Ankauf oft durch Pfarrer, Handarbeitslehrerinnen und Sammler-kollegen bereits separiert, historisiert und rekultiviert.
Spiegelhalder war europäisch orientiert und schätzte gerade des-halb den heimatlichen Schwarzwald, eine Region, die durch die Muse-alisierung touristisch miterschlossen wurde. Spiegelhalder machte seineSammlung im eigenen Haus öffentlich zugänglich und lud auf einemPlakat in deutscher und englischer Sprache zur unengeltlichen Besichti-gung in den Sommermonaten ein. Auf einer Gewerbeausstellung zeigteer seine Schwarzwaldstuben und damit sich vertraut mit den Expositi-onsstrategien seiner Zeit. Mehrfach geht Speigelhalders Interesse an derDokumentation über in die Herstellung von Sichtbarkeit. Aus Fotogra-fien werden in medientechnischer Umkehrung Aquarelle und damit zuBürgen frisch hergestellter Originale.
Unablässig war er europaweit in Kontakt mit Museen, Direktorenund Konservatoren mit den Museen in Nürnberg, Wien, Skansen,Prag. Hier lernte er zu sehen und zu schauen, wenn man Ludwik FlecksUnterscheidung teilen mag:» Wir schauen mit den eigenen Augen, aberwir sehen mit den Augen des Kollektivs[...]«. 39 Das Kollektiv, dem er sichüber seine Mitgliedschaft neben dem Wiener Verein auch im Verein derKgl. Sammlung für deutsche Volkskunde Berlin und der SchweizerischenGesellschaft für Volkskunde zugehörig fühlte, war der Stil des Denkensder sich disziplinär etablierenden Volkskunde. Gut ausgebildet und viel-gereist, entsprach er dem Sozialmilieu jenes Wirtschaftsbürgertums, dassich um 1900 neben der bildungsbürgerlichen Gruppe der Lehrer undPfarrer für die Dokumentation der Spuren ländlicher Lebensweise ein-setzte. Ihn prägte jedoch noch ein zweites Kollektiv, nämlich der Denk-stil des Händlers, der Wissenschaftskontakte wie Kunden pflegt, der aufSichtbarkeit setzt, dokumentiert, bilanziert und die Musealie als Wareauslegt. Seine Gruppierungen der Objekte, seine Zeigegesten auf demPapier, seine Auswahl der Objekte demonstrieren paradigmatisch, wiedas Sammlungs- und Museumsobjekt in eine Vielzahl von Praktiken ein-gebettet ist und Taten wie Sachen einander bedingen.
39 Ludwik Fleck: Erfahrung und Tatsache. Gesammelte Aufsätze. Frankfurt a. M.1983, S. 157.