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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIX/ 118, 2015, Heft 3+ 4
gesellschaftliche Schranken hinweg: Die Betreiberinnen teilen ihre Klei-dung mit anderen. Sie organisieren den Zugang zur Kleidung durch dieaufgestellten Regeln, Kleidungsstücke nicht kaufen zu können und nacheiniger Zeit sauber zurück bringen zu müssen sowie Stücke vorbestellenzu können. Ebenso verhält es sich mit der Kleiderkammer, die verschie-dene Rechte an Sortierung sowie Verteilung und Zugang hält. Auch siebehält sich vor, in der Praxis von den geschriebenen Regeln abzuweichen,wenn damit dem Ziel, Kleidung an Bedürftige zu verteilen, gedient ist.Beide Modelle als solidarisch im Sinne einer Verbundenheit und Unter-stützung zu bezeichnen, wäre in meinen Augen falsch, wenn man dieUngleichverteilung von Kapital und Zugangschancen in Deutschland imFall der Kleiderkammer und der Zugangsschranken wie Geld oder Habi-tus im zweiten Modell, der Kleiderei, ernst nimmt.
Dennoch schaffen die Kleiderkammer und die Kleiderei durch ihreArbeit alternative Räume, wenn sie die sozialen Strukturen des Klei-dungskonsums auch nicht angreifen. Gregson und Crewe sehen einewesentliche Bedeutung von Secondhand- Cultures in der Neuschaffungvon Räumen durch die Neubewertung von Müll.56 Wie auch Jenkinset al. 57, betonen sie die kritische Aufweichung von festgelegten Kon-sumzyklen und damit die Festschreibungen von Eigentümerschaft.In beiden Fällen entziehen die Institutionen die Kleidung dem Second-Hand- Markt für Kleidung und schaffen ein zum Markt alternativesVersorgungssystem. Sie entwickeln eigene Verteilungslogiken anti-temporär und anti- modezyklisch und verlängern den Lebenszyklusvon Kleidung, die schon als Müll abgewertet war. Bewertungen erfolgenhier auf unterschiedliche Weise anhand der Integrität des Materials inder Kleiderkammer, anhand des Stils in der Kleiderei.
Diese Charakteristika können in Hinblick auf die Hegemonie desschnellen Kaufens und Wegschmeißens als in Ansätzen subsistenzstrate-gische und subversive Praktiken verstanden werden. Sie deuten auf einenicht- kapitalistische Produktionsweise, wo» commons die Überwindungvon Privateigentum, Knappheit, Lohnarbeit, Wettbewerb und Markt<< 59
56 Gregson, Crewe 2003( wie Anm. 5), S. 2.
57 Jenkins, Molesworth, Scullion 2014( wie Anm. 48), S. 132.
58 Gregson, Crewe 2003( wie Anm. 5), S. 2, oder Vetter 2012( wie Anm. 53), S. 36-53.59 Andreas Exner, Brigitte Kratzwald: Solidarische Ökonomie und Commons. Intro.Kritik und Utopie. Wien 2012, S. 23.