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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIX/ 118, 2015, Heft 3+ 4
wird die zu Müll gewordene Kleidung in Qualitäten und Kategorien sor-tiert und neu bewertet. Sie erhält sogar einen neuen monetären Gegen-wert, der die Bedürftigen zu Kundinnen macht und ihnen hilft, dieBekleidung für sich höher zu bewerten 49. Die Kleidung zirkuliert jedochin verschiedenen sozialen Schichten, von etablierten Klassenzugehörig-keiten nach abwärts. Das Kollektiv besteht in einer sozial und räum-lich so stark getrennten Stadtgemeinschaft, dass es beispielsweise fastunmöglich erscheint, das abgegebene Kleidungsstück wieder an jeman-dem auf der Straße zu sehen. Dieses Konzept macht es möglich, dassSpenderInnern und NutzerInnen ihr» Gesicht wahren«. Nicht zuletzterfolgt auch die Bezahlung der MitarbeiterInnen über Steuergelder. Weilaber bei den SpenderInnen das Bewusstsein für die neuen BesitzerInnenvorliegt, würde ich weiterhin von einem Kollektiv sprechen.
Das Gegenteil ist der Fall in der neuen Stadtgesellschaft der SharingEconomy als Peer- to- Peer- Modell50: Das Leihen unter Freundinnenund in der Familie ist hier Pate des Ausleihens bei der Kleiderei51, undNutzerinnen beziehen sich in Blogposts mit Stolz auf diese ungewöhn-liche Biographie des Kleidungsstückes. 52 Zwei Interpretationen sindhier möglich. Zum einen, dass geliehene Kleidung nicht auf einen fes-ten Besitzstatus festgeschrieben sein muss53 und die Kleidung im Gefühleiniger TrägerInnen tatsächlich der Gruppe der Nutzerinnen gehört.Dieses Gefühl, dass auch ich das Stück irgendwie besitze, hat sich wäh-rend meiner einjährigen teilnehmenden Beobachtung bei mir nicht ein-gestellt. Ich habe meine geliehenen Kleider zu Hause separat aufbewahrtund bin für die richtige Pflege» in Stress« geraten. Bei einigen Stücken
49 Interview Heike Derwanz, 28.2.2014.
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Rachel Botsman, Roo Rogers: What's Mine Is Yours: The Rise of CollaborativeConsumption. New York 2010; Agyeman, McLaren, Schaefer- Borrego 2013( wieAnm. 14); Juliet Schor: Debating the Sharing Economy. In: Great Transition Initi-ative, Oktober 2014( n.d.), http://www.greattransition.org/publication/debating-the- sharing- economy( Zugriff: 20.2.2015).
Jenkins, Molesworth, Scullion 2014( wie Anm. 47), S. 131.
S. dazu Heike Derwanz: Sharing und Caring in der Kleiderei. Kleidertausch alsPeer- Produktion. In: Kuckuck- Notizen zur Alltagskultur, Sonderheft Allmende 1,2015, S. 36-40.
Ebd. 132; s. auch Andrea Vetter: Beitragen statt Tauschen. KulturanthropologischePerspektiven auf Peer- Produktion. In: Berliner Blätter 61, 2012( wie Anm. 27),
S. 36-53.