Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde118 (2015) / N.S. 69Rogojanu, Ana: Gemeinschaftliches Bauen und Wohnen zwischen Selbstorganisation, Solidarität und stadtpolitischen Interessen

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Gemeinschaftliches Bauen und Wohnen zwischen Selbstorganisation, Solidarität und stadtpolitischen Interessen
Einzelbild herunterladen
 
  

186 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIX/ 118, 2015, Heft 3+ 4

Folgeprojekte mit einer ähnlichen inhaltlich- weltanschaulichen Ausrich-tung initiiert und betreut. Im spezifischen Wiener Kontext bestehen alsobesonders enge Verbindungen zwischen den Initiativen der 1980er- Jahreund den aktuellen Baugruppenprojekten.

Unter den neuen politischen Rahmenbedingungen sind Baugrup-penprojekte wesentlich leichter zu realisieren als in der Vergangenheit.Das große Interesse der Stadt Wien hat allerdings dazu beigetragen,dass viele der neuen Projekte nun nicht mehr als Bottom- up- Initiativenbeginnen, sondern gewissermaßen top- down von Bauträgern, Architek-tur- oder Moderationsbüros initiiert werden. 37 Darüber hinaus habensich auch die politischen und sozialen Ansprüche sowie die gesellschaft-lichen Bezugspunkte der Projekte verändert. Der ArchitekturtheoretikerRobert Temel charakterisiert die meisten der aktuellen Baugruppen als>> professionell initiierte Gruppen« mit geringem Gemeinschaftsanspruchbzw. als>> Lebenssituationsgruppen«, die vorrangig eine Einbettung deseigenen Lebens in eine der biographischen Lage entsprechende Wahl-gemeinschaft suchen, während die» Gemeinwesengruppen« der 1980er-Jahre>> mehr erreichen[ wollten] als nur gemeinschaftliches Wohnen«< 38.Nicht mehr die Idee eines Raumes für alternative Entwürfe des( Zusam-men) Lebens steht im Zentrum der neuen Initiativen, sondern die Vor-stellung einer aktiven Nachbarschaft und eines sozialen Netzes, die unteranderem vor dem Hintergrund des Abbaus des Sozialstaates zu sehensind. Was die Institutionalisierung für die Baugruppenbewegung insge-samt sowie für die Motive der einzelnen Projekte im Detail bedeutet,wird in Zukunft zu klären sein. Jedenfalls zeigt sich, dass Initiativen selb-storganisierten gemeinschaftlichen Bauens und Wohnens als spezifischeForm von Commons keineswegs als»> jenseits von Markt und Staat<< ³9zu betrachten sind, sondern immer wieder in unterschiedlicher Weise ineinem spannungsreichen Verhältnis zu diesen beiden Kräften standen.

38

37 Vgl. Hendrich 2010( wie Anm. 18), S. 26-31; Temel 2012( wie Anm. 25), S. 15-18.Robert Temel u. a.: Baugemeinschaften in Wien. Endbericht 1. Potenzialabschät-zung und Rahmenbedingungen. Studie im Auftrag der Stadt Wien, MA 50. Wien2009, http://www.wohnbauforschung.at/Downloads/Baugemeinschaften_in__Wien Potentialabschaetzung_LF.pdf( Zugriff: 19.2.2015), S. 7 f; zu diesem Modellder Kategorisierung von Baugruppen vgl. Simone Kläser: Selbstorganisiertes Woh-nen. In: archplus 176/177, 2006, S. 90-99.

39

Helfrich, Heinrich- Böll- Stiftung 2012( wie Anm. 1)