Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde118 (2015) / N.S. 69Rogojanu, Ana: Gemeinschaftliches Bauen und Wohnen zwischen Selbstorganisation, Solidarität und stadtpolitischen Interessen

  
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Gemeinschaftliches Bauen und Wohnen zwischen Selbstorganisation, Solidarität und stadtpolitischen Interessen
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIX/ 118, 2015, Heft 3+ 4

Unterstützung im Alltag, in Form von Kinder- und Altenbetreuung,andererseits von Ansprüchen des sozialen Engagements und der Gemein-nützigkeit, etwa durch die Integration von Menschen mit Behinderungenoder mit Fluchterfahrungen, aber auch durch verschiedene Angebote, diein die Nachbarschaft ausstrahlen sollen, getragen. Neben der verhältnis-mäßig klar begrenzten materiellen Ressource entsteht in so ausgerichte-ten Wohnprojekten also auch eine soziale Ressource der Unterstützungund des Engagements, deren Zugang tendenziell offener ist, die jedochvon den Mitgliedern der Gruppe immer wieder aktiv hergestellt werden

muss.

Entwicklung des selbstorganisierten gemeinschaftlichenBauens und Wohnens in Wien

Der aktuelle Aufschwung von Baugruppenprojekten in Wien stellt,historisch betrachtet, keineswegs die erste Bewegung gemeinschaftlichorganisierten Bauens und Wohnens dar. Ein Blick in die Geschichte vonInitiativen der kollektiven Erschaffung von Wohnraum zeigt zum einenvielfältige Vernetzungen mit der Stadtpolitik und wirft zum anderenFragen nach den- zum Teil überaus unterschiedlichen Motiven undgesellschaftlichen Bezugspunkten der jeweiligen Projekte auf. Diese sol-len hier in einem kurzen historischen Abriss skizziert werden.

Als Vorläufer des gemeinschaftlichen Bauens und Wohnens im heuti-gen Sinn wird häufig die genossenschaftlich organisierte Wiener Siedler-bewegung der 1920er- Jahre gesehen 20. Entstanden war diese Bewegungnach dem Ersten Weltkrieg zunächst- in Form des unorganisierten undweitgehend illegalen» wilden Siedelns«< am Stadtrand als Projekt zurSelbstversorgung bedürftiger Bevölkerungsschichten mit Wohnraumund Nahrungsmitteln. Zu Beginn der 1920er- Jahre begannen die erstenSiedler und Siedlerinnen sich in Genossenschaften zusammenzuschließenund es entwickelte sich ein» Großsystem[ s] organisierter Selbsthilfe<< 21,

20 Vgl. Petra Hendrich: Baugruppen. Selbstbestimmtes Bauen und Wohnen in Wien.Masterarbeit TU Wien 2010, S. 72 f.

21

Klaus Novy: Genossenschafts- Bewegung. Zur Geschichte und Zukunft derWohnreform. Berlin 1983, S. 46.