50 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIX/ 118, 2015, Heft 1+ 2
von Prag bis in das deutsche Sprachgebiet spannt. Dieses Motiv erregteam 10. August 1900 sogar die Aufmerksamkeit der böhmischen Statthal-terei, die den ganzen Vorgang zu» weiterer Veranlassung« an die Polizei-direktion Prag übergab. Begründet wurde die vorausgegangene Beschlag-nahme in Rumburg mit dem Verdacht, dass» durch die darauf befindlichecolorierte Abbildung zu Feindseligkeiten gegen die cechische Nationali-tät zu verleiten gesucht wird.<< 8
Dass es sich bei den hier aufgezeigten Deutungsmustern nicht alleinum innerböhmische Angelegenheiten handelte, belegt das hier zumSchluss wiedergegebene Bildbeispiel einer um 1900 in München ver-legten Karte, die sogar explizit den Titel» Der böhmische Zirkel<< trägt.( Abb. 4) Darauf ist ein großer Zirkel zu sehen, der von Prag ausgehendauf einer Landkarte einen weiten Bogen bis nach Ober- und Niederös-terreich schlägt. Den Zirkelkopf bildet ein breit grinsender Tschechen-schädel, der in der Manier zeitgenössischer Karikaturen mit affenarti-gen Zügen ausgestattet ist. Auch die Pranken an den unteren Enden derZirkelschenkel haben wenig mit menschlichen Händen gemein. Hinter-grund dieser tschechophoben Anklage waren wiederum Überfremdungs-ängste nicht nur in den Ballungszentren von Wien und Linz, sondernebenfalls in den grenznahen Regionen Nieder- und Oberösterreichs, wojeder tschechische Bauernhof bereits als eine ernsthafte Bedrohung desdeutschen Charakters der betreffenden Region angesehen wurde.⁹ Letzt-lich stand der» böhmische Zirkel« auch in diesem Kontext für Diebstahl.Darüber hinaus konnte dieselbe Metapher aber- von seiner ursprünglichethnischen Konnotation abgelöst und verallgemeinert- auch auf anderenationalpolitische Konfliktkonstellationen übertragen werden. In denWiener Karikaturen der kleinbürgerlichen Satirezeitschrift Kikeriki wur-den an der Wende von 19. zum 20. Jahrhundert beispielsweise die»> anma-Bende« austro- polnische Postulatenpolitik in Wien oder das» raffgierige«
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Die nahezu flächendeckende Verbreitung dieses Phraseologismus in den deutschenSprachgebieten der böhmischen Länder bestätigten mir zwei E- Mails von OtfridEhrismann und Isabelle Hardt( beide Universität Gießen) am 15.1.2015.
Státní Ústřední Archiv Praha, P 19, K.k. Statthaltereipräsidium Nr. 14.380- praes.,Schreiben an den Polizeidirektor vom 10.8.1900.
Vgl. in diesem Zusammenhang Franz Riedl: Der österreichisch- slowakisch- tsche-chische Grenzraum. In: Friedrich Heiss, Hillen Ziegfeld( Hg.): Süddeutsche Ostnot.Berlin 1932, S. 80-108.