Aufsatz in einer Zeitschrift 
»Böhmischer Zirkel« : Anmerkungen zur Karriere einer Bildchiffre aus der Wiener Gaunersprache
Einzelbild herunterladen
 
  

44 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIX/ 118, 2015, Heft 1+ 2

zum

Mit dem Epitheton» böhmisch«< war zusätzlich ein antitschechischesRessentiment ins Spiel gebracht, das in der Reichshauptstadt Wienseit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Folge tschechischerMassenzuwanderung weit verbreitet war und auch in anderen Redewen-dungen mit derselben Bedeutung- etwa» böhmisch einkaufen«-Ausdruck kam. Hinzu traten weitere abschätzige Etikettierungen wie>> Zieglböhm<<,>> Schusterböhm«,» böhmische Schwalben«( Saisonarbei-ter),» Stockböhm«( im Unterschied zu den Deutschböhmen). Verdäch-tig erschienen alle Tschechen, die nur ihre eigene slawische Sprachebeherrschten und ansonsten» böhmakelten«, d.h. ein deutsch- tschechi-sches Kauderwelsch von sich gaben. Diese fremdenfeindlichen Äuße-rungen zielten vor allem auf die Masse der tschechischen Zuwanderer, diemehrheitlich in den sozialen Unterschichten vertreten waren und alleinschon deswegen mit größtem Misstrauen betrachtet wurden. Um 1900stellten die Wiener Tschechen die größte nichtdeutsche Volksgruppein der Reichshauptstadt dar.³ Vielleicht noch brisanter als die einfacheethnische Kodierung dieser Bildchiffre war freilich ihr Transfer in diepolitische Sphäre der späten Habsburgermonarchie, vor allem in Bezugauf die böhmischen Länder. Den Hintergrund bildeten rasante sozio-ökonomische Modernisierungs- und Transformationsprozesse in dertschechischen Gesellschaft seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts,

2

3

S. dazu und zum Folgenden Monika Glettler:» Böhmische Schwalben<<: VonAmmen und Ziegelschupfern in Wien. In: Džambo 1999( wie Anm. 1), S.115–120;Andreas Gottsmann: Stockböhmen oder Russenknechte? Das Bild der Tschechenim Spiegel der deutschsprachigen österreichischen Presse im Revolutionsjahr1848/49. Österreichische Osthefte 34, 2, 1992, S. 283-311; Gertraud Pressler:>> WieBöhmen noch bei Österreich war«. Zum Topos des Tschechischen im Wienerlieddes 19. und 20. Jahrhunderts. In: Vlasta Valeš( Hg.): Doma v Cizině. Češi ve Vidnive 20. století- Zu Hause in der Fremde. Tschechen in Wien im 20. Jahrhundert.Praha 2002, S.125-134.

S. dazu u.a. Michael John: Mosaik, Schmelztiegel, Weltstadt Wien? Migration undmultikulturelle Gesellschaft im 19. u. 20. Jahrhundert. http: //www.demokratiezen-trum.org/1996/fileadmin/media/pdf/john.pdf, S. 1-4( Zugriff: 15.01.2015); MartinSekera: Wie waren die Tschechen in Wien bis 1918? In: Valeš 2002( wie Anm. 2),S. 114-124.