>> Böhmischer Zirkel«-
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Anmerkungen zur Karriereeiner Bildchiffre aus derWiener Gaunersprache
Rudolf Jaworski
Die heute kaum noch bekannte Redewendung, einen» böhmischen Zir-kel<< schlagen, im Sinne von: etwas stehlen und sich unrechtmäßig aneig-nen, dürfte zuerst in Wiener Gauner- und Hehlerkreisen aufgekommensein, wurde aber bereits im 19. Jahrhundert im gesamten deutschspra-chigen Raum der Habsburgermonarchie sowie in Süddeutschlandgebräuchlich. Es handelte sich ursprünglich um eine stumme Geste, diedas Kreisschlagen eines Zirkels nachahmt:» Der rechte, senkrecht nachunten gerichtete Daumen stellt den im Mittelpunkt eingesetzten Zirkel-schenkel vor, die übrigen vier Finger beschreiben, dem anderen Schenkelentsprechend, einen Kreisbogen und schließen sich mit den Spitzen andie Handfläche, wie um etwas einzustreichen.«< ¹ Mit diesem sprachlosenZeichen konnten Diebe ihre Gesinnungsgenossen auch im öffentlichenRaum( in Wirtshäusern usw.) von einem erfolgten oder bevorstehendenDiebstahl in Kenntnis setzen, ohne Gefahr zu laufen, von einem etwaanwesenden Polizeispitzel gestellt zu werden. Die Handbewegung des» böhmischen Zirkels«< diente in diesen Kreisen somit der verdecktennonverbalen Kommunikation.
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Ludwig Günther: Die deutsche Gaunersprache und verwandte Geheim- undBerufsprachen. Leipzig 1919, S. 38, Anm. 65; s. außerdem noch Alena Gottliebová:Ausgewählte Besonderheiten des Wiener Deutsch. Brünn 2008( unveröffentl. BA-Arbeit), S. 33 f; Peter Becher, Jozo Džambo( Hg.): Gleiche Bilder, gleiche Worte.Deutsche, Österreicher und Tschechen in der Karikatur 1848-1948. München1999, S. 42; Hans Ostwald: Rinnsteinsprache. Lexikon der Gauner-, Dirnen- undLandstreichersprache. Berlin 1906, S. 26; Christa Rothmeier( Hg.): Die entzauberteIdylle. 160 Jahre Wien in der tschechischen Literatur. Wien 2004, S. 13, Anm. 7;Ze slovníčku Videňáků In: Mladá fronta Dnes, 20.06.2002, S. 4.