Jahrgang 
92 (1989) / N.S. 43
Seite
350
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Michalis G. Meraklis, Ti einailaïki logotechnia Dokimia.( Was ist Volks-literatur Versuche). Athen, Synchroni Epochi, 1988, 70 Seiten.

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Das kleine Büchlein des bekannten Volkskunde- Professors und LiteraturkritikersMichalis Meraklis vereinigt vier Essays zu Sparten der Volksliteratur, die der Verfas-ser auf Grund seines methodisch zweifachen Zugangs, von der Volkskunde her alsauch von der Literaturwissenschaft und Ästhetik, als künstlerische Sprachgebildeernst nimmt. Ausgehend vom Sammelband ,, Deutsche Volksdichtung. Eine Einfüh-rung, Leipzig 1979, den Hermann Strobach unter Mitwirkung verschiedener Fach-leute herausgegeben hat, führt der Verfasser, in Zustimmung wie in Ablehnung undkritischer Modifizierung, in vier Themenkreise ein: Was ist Volksliteratur, das Mär-chen, Sprichwort- Rätsel und der volkstümliche Groschenroman. Die Beiträge sindnicht mit Nachweisen überhäuft und konzentrieren sich auf die Darlegung einigerwesentlicher Punkte, wie dies der Gattung des Essays entspricht.

Als Charakteristika der Volksliteratur wird zuerst die Mündlichkeit diskutiert,die, wie schon Strobach zu bedenken gibt, allerdings nur für eine bestimmte Ent-wicklungsphase der Volksliteratur kennzeichnend ist und nicht als Universalkrite-rium von der Geschichte isoliert werden darf. Der Verfasser zeigt auf, daß es in Grie-chenland sehr wohl auch schriftliche, ja sogar gedruckte Volksliteratur gibt. Es folgtdie Diskussion zu Variabilität und Konstanz sowie die verzögerte Rezeption in Schü-ben. Hier ist dem Verfasser zuzustimmen, daß Strobachs Meinung, in der Volkslite-ratur gäbe es keine Großformen wie den Roman oder das dramatische Werk( für diebalkanische Volksmusik hat Felix Hoerburger nachgewiesen, daß es sehr wohl Groß-formen gibt, nur haben sie parataktische Struktur), einer Prüfung unterzogen wer-den müsse( die improvisierten Karnevalsszenen etwa, die mehrere Stunden andau-ern können, sind freilich nicht Drama" im Sinne heutiger Dramentheorie, aberdoch wohl dialogisch- theaterartige Darbietung, die dem darstellenden Genre zuzu-rechnen ist). Die Beeinflussung der Volksliteratur von Kirchen( z. B. den Predigtendes Kosmas von Aitolien im 18. Jahrhundert) und Schriftkultur( die vielgeleseneÜbersetzung von Fior de Virtu und anderer Erbauungsbücher setzt schon im16. Jahrhundert ein) ist in Griechenland nicht viel anders als in Deutschland. Merak-lis diskutiert in der Folge Ansichten Strobachs zur konservativen, machterhaltendenRolle der Beschwörungsformeln, abergläubischer und magischer Gattungen derVolksliteratur und hebt den spielerischen und realitätsentlastenden Aspekt dieserHandlungen, Sprüche und Vorstellungen hervor. Vielfach sind etwa die Vampirge-schichten nichts als reine Dichtung. Den poetischen Aspekt sieht Meraklis auch inder Sprachgebung, etwa bei Krankheitsbeschwörungsformeln. Als neuere Gattungwird die Trivial- und Unterhaltungsliteratur diskutiert, die zwar für das, Volk", abernicht mehr vom Volk verfaßt wird. Volksautoren findet man jedoch bei den,, Memoiren"( im 19. Jahrhundert aus dem Befreiungskampf von 1821, im 20. Jahr-hundert aus dem Bürgerkrieg und dem Widerstand gegen die deutsche Okkupation)und bei dem bis in die Zwischenkriegszeit beliebten Räuberroman, der historisch andie Klephtentradition und das Klephtenlied anschließt.

Der zweite Abschnitt( S. 23-38) ist dem Märchen gewidmet. Der Verfasser hebtdie historische Vielschichtigkeit der Gattung hervor: Vom neolithischen Tierbe-wußtsein( z. B. Tierbräutigam) bis zum Wirklichkeitsskeptizismus der Neuzeit imSchwank. Das Zaubermärchen darf wohl als älteste Gattung der Weltliteratur gel-ten. Der Schwank parodiert nicht nur die Zaubermotive, sondern auch die Wirklich-keit selbst. In der Märchennovelle sind die Zauberelemente durch den Trick

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