sind aktiver Kirchenbesuch, die Teilnahme an Litaneien usw. z. T. zurückgegangenbzw. formeller geworden, doch ist davon die tiefere religiöse Einstellung, sozial ver-ankert, in Normen und Institutionen abgesichert, kaum wirklich betroffen.
Diese Diagnose, entstanden aus einem streng abgegrenzten und total erfaßtenmikroregionalen Kulturraum der griechischen Inselwelt, differenziert nicht nur dieKassandra- Rufe der autochthonen Heimatschützer sowie auch die romantischenTourismus- Klischees von der heilen Welt der noch anzutreffenden antiken ,, philoxe-nia", sondern auch die oft mechanistisch verallgemeinernden, intellektuell konstru-ierten Modell- Schemata der Kulturanthropologen vom Wertumbruch, von derinkommensurablen Parallelität traditioneller und moderner Wertsysteme in der neu-griechischen Provinzkultur. Die erfaßte Wirklichkeit erweist sich als vielfältiger alsdie anthropologische Kategoriebildung, deren heuristischer Erkenntniswert manch-mal gleich mit der Wahrheit verwechselt wird. Eine moderne, fundierte, konziseArbeit der neugriechischen Volkskunde zu einem traditionellen Thema, das in seinergegenwärtigen Entwicklung häufig zu pauschal behandelt wird.
Walter Puchner
Mircea Eliade, Mythos und Wirklichkeit. Aus dem Französischen von EvaMoldenhauer. Frankfurt, Insel Verlag, 1988, 208 Seiten.
Der Titel erinnert an Lutz Röhrich„ Märchen und Wirklichkeit“( Wiesbaden1956), doch heißt der Originaltitel einfacher und schlichter eigentlich„, Aspects dumythe“( Paris 1963). Daß dieses Werk erst jetzt in deutscher Sprache erscheint, isteinerseits verwunderlich, andererseits die Erfüllung alter Erwartungen.
Eliade hat seinerzeit( 1962) in seiner Vorbemerkung geschrieben:.. daß essich an das gebildete breite Publikum wendet. Wir haben darin einige Beobachtun-gen aufgegriffen und weiterentwickelt, die wir bereits in unseren früheren Werkenvorstellten. Eine erschöpfende Analyse des mythischen Denkens kam nicht inBetracht."
Zweifellos gehört es zu den Vorzügen dieses Buches, daß es auch für den Nicht-Fachmann informativ und zugleich gut lesbar ist, und daran hat auch die geglückteÜbersetzung ihren Anteil.
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Die Hauptartikel gliedern das Werk in neun Kapitel: Die Struktur der Mythen,Magisches Prestige der„ Ursprünge“, Mythen der Erneuerung, Eschatologie undKosmogonie, Die Zeit läßt sich beherrschen, Mythologie OntologieGeschichte, Mythologie des Gedächtnisses und des Vergessens, Größe und Verfallder Mythen, Überbleibsel und Vermummung der Mythen. Dazu kommt noch einAnhang: Mythen und Märchen.
Das Werk enthält nicht nur eine Fülle von Materialien, Beobachtungen und Ana-lysen, es bringt immer wieder schlagwortartige Leitsätze, wie:„ Für den homo reli-giosus liegt das Wesentliche vor der Existenz.... Der Mensch ist so, wie er heuteist, weil ab origine eine Reihe von Ereignissen stattgefunden hat. Die Mythen erzäh-len ihm diese Ereignisse und erklären ihm damit, wie und warum er auf diese Weisebeschaffen ist.“( S. 94)
Obwohl dieses Werk relativ früh konzipiert ist, so enthält es doch einen großenTeil der Themen und Probleme, über die Eliade später geschrieben hat. Hinsichtlichdes Mythen- Komplexes ist es eine Art Resümee im voraus.
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