Jahrgang 
92 (1989) / N.S. 43
Seite
333
Einzelbild herunterladen
 

Der dritte Abschnitt trägt den Titel Der andere Raum; gemeint ist die Nicht-Stadtvolkskunde, also der ländliche Raum. Er enthält die Studien:, TraditionelleAspekte des Raumes"( S. 189-203), Zerfall und Überleben in der Volkskultur desnordgriechischen Raumes"( S. 204-213, zuerst in Laografia 29, 1974, S. 85-92;es geht um die feministische Vermarktung des, Hebammentages" in Thrakien, einerIdeologisierung eines traditionellen Brauches), ,, Hochzeitslamentationen"( S. 214-229, in deutscher Fassung in W. Puchner[ ed.], Tod und Jenseits im euro-päischen Volkslied; Ioannina 1989, S. 65-80, vorgetragen bei der 16. Internationa-len Balladenkonferenz in Kolympari auf Kreta im August 1986).

Der vierte Abschnitt bringt Andere Fragen": darunter Die Maschine und derVolksmensch"( S. 233-246, zuerst in Laografia" 28, 1972, S. 115-124), ZurVolksreligion" mit Themen aus dem Osterzyklus, zur Dämonisierung des Schweinsu. a.( S. 247-271, z. T. aus Zeitungsessays), Zur Photographie", Gedanken zurästhetischen Dimension des Photos und zum kulturhistorischen Wert der älterenPhotographien( S. 272–287).

Einer Rezension ist es leider nicht vergönnt, dem Leser einen Eindruck vomGedankenreichtum mancher dieser Studien und Essays zu vermitteln, die Kulturfor-schung im weitesten Sinne des Wortes darstellen. Mit der gleichen Selbstverständ-lichkeit wird in der griechischen Tradition bis in die Antike ausgeholt und doch auchdie heutige Zeitungsmeldung als Quelle nicht verschmäht, oder eine bezüglicheStelle aus der neugriechischen Dichtung und Prosa herangezogen, ein französischerKulturphilosoph zitiert oder ein deutscher Märchenforscher. Hier lösen sich dieengeren Fachschranken von allein auf, ohne daß dies als Programm irgendwo festge-halten wäre. Die Volkskunde ist in das weite Feld der historischen und rezenten Kul-turforschung entlassen, die Fragen der Methode und der Themenwahl nähern sichdem Bereich der Kulturphilosophie.

Walter Puchner

Dunja Rihtman- Auguštin, Etnologia naše svakodnevice( Ethnologie unseresAlltagslebens). Zagreb, Školska knjiga, 1988, VII, 229 Seiten.

Der vorliegende Band mit dem ansprechenden Titel stellt in geschickter Weiseeine Zusammenstellung von Forschungsthemen der letzten Jahre dar, mit denen sichdie Leiterin des Zavoda za istraživanje folklora in Zagreb auseinandergesetzt hat,und verleiht derart seinem Titel Allgemeingültigkeit und dem Buch den Charaktereiner Art Handbuch der rezenten kroatischen Volkskunde. Der erste Teil( S. 9-70)ist allgemeinen theoretischen Fragestellungen gewidmet: die langzeitige Abhängig-keit der kroatischen Volkskunde von den Modellen der Wiener Kulturkreislehre undihre sukzessive Loslösung nach den theoretischen Koordinaten der kritischen Kul-turanalyse, wie sie H. Bausinger, I. Weber- Kellermann, I. M. Greverus undM. Scharfe vertreten. Die Verf. diskutiert ausführlich das Modell der Zweischich-tenkultur nach Gramsci, Clemente u. a., in dem die Gesamtkultur in eine, culturahegemonica und eine cultura subalterna zerfällt. Diesen bipolaren Ansatz hatteschon der Gründer der modernen kroatischen Volkskunde, Antun Radic, um dieJahrhundertwende vertreten( Oznova za satiranje i proučavanje grate o narodnomživotu. Zbornik za narodni život i običaja Južnih Slovena 2, Zagreb 1908, S. 1-88).Im letzten Kapitel des ersten Teils kommt noch Norbert Elias' bekannte, allerdingsin wesentlichen Punkten zu differenzierende Zivilisationsprozeß- Theorie zur

333