Jahrgang 
92 (1989) / N.S. 43
Seite
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Wernhart( Wien). Er unterstrich die Problematik, mit europäischen Frömmigkeits-vorstellungen außereuropäische Religionsphänomene erfassen zu wollen, steht dochjede Religion in enger Wechselwirkung mit der Geschichte, Gesellschaft und Politik.

Leander Petzoldt( Innsbruck) umriß das Verhältnis Magie- Religion und ihreBeziehung zum Volksglauben. Magie als spezifische Art von Religion versteht er als,, Barometer des sozialen Druckes". Weißer und schwarzer Magie, in jeder moder-nen Gesellschaft gegenwärtig, liegt der Glaube an die zwingende Kraft des Ritus, diedie Gottheit nötigen soll, zugrunde.

Neue ,, Trends" in der Volksfrömmigkeit zeigte Olaf Bockhorn( Wien) auf. ImRahmen seiner Lehrveranstaltung am Wiener Institut für Volkskunde wurde unter-sucht: Aufschwung der Verehrung der Hl. Hildegard mit ihren Heilerfolgen( Hilde-gard- Medizin"); Fragen des Kapitalflusses und der Unternehmensstrategie bei Sek-tengemeinschaften; die Bedeutung esoterischer Literatur; die Suche nach der Wahr-heit mit Hilfe von Hexen- und Druidenschulen und die Entwicklung der Kelten alsursprüngliche, vorchristliche Kulturträger. Ergänzt wird dieses Bild durch die Bio-und Gesundheitswelle als Glaubenssurrogat.

Den Abschluß der Vorträge am Mittwoch bildeten die Ausführungen von RolandGirtler( Wien) über Strategien der Volksfrömmigkeit in Subkulturen. Er spannteseine Ausführungen von der bewußten Inszenierung von Frömmigkeit im Rahmender ,, Bettler- und Ganovenkultur bis zur Frömmigkeit im Gefängnis, sei sie echt,die dann als Schwäche und Beugung betrachtet wird, sei sie inszeniert, wodurch sehrwohl Vorteile erreicht werden können.

Den öffentlichen Vortrag am Mittwochabend hielt Viktor Herbert Pöttler( Stü-bing) über Darstellungsprobleme der Volksfrömmigkeit in Freilichtmuseen. MitHilfe von Dias bot er einen Überblick über die Erscheinungsformen der Frömmig-keit, die museal präsentiert werden können.

Das Rahmenprogramm umfaßte eine Stadtführung, einen Empfang des Bürger-meisters und des Landeshauptmannes sowie eine Exkursion nach Deutschlandsbergzur Fronleichnamsprozession( die großflächige Blumenteppiche aufweist) und zumSchloß Stainz.

Es war weder beabsichtigt, noch gelang es, den Begriff Volksfrömmigkeit" zudefinieren. Die fehlende Auseinandersetzung mit dem Begriff zog vereinzelt Kritiknach sich. Das breite Spektrum, das mit den Referaten erfaßt wurde, führte bei man-chen zur besorgten Frage, ob das überhaupt noch zur Volkskunde gehöre.

Peter Strasser

,, Erinnern und Vergessen"

Bericht vom 27. Deutschen Volkskunde- Kongreß

Vom 25. bis 29. September 1989 fand in Göttingen, ausgerichtet von Rolf WilhelmBrednich und seinen Mitarbeitern, der 27. Kongreß der Deutschen Gesellschaft fürVolkskunde statt. Unter dem Generalthema Erinnern und Vergessen wurden 15Vorträge vor dem Plenum gehalten, fanden 8 Sektionen und ein Filmforum statt.

Einleitend umriẞ Martin Scharfe( Marburg) das Tagungsthema, wobei er vorallem das Erinnern als kulturelle Handlung, als bewußte und erlernte Gedächtnis-

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