mich auf einige Gedanken und Feststellungen des Autors beschränken, die sich nurauf die Sicheln beziehen. Die Sicheln der verschiedenen Perioden lassen sich aufGrund der Griffbefestigung sowie der Form und Größe ihrer Klinge deutlich vonein-ander unterscheiden. Bei den römerzeitlichen Sicheln ist die Griffbefestigung dersogenannte„, Dorn- Nietnagel", der auch in rezentem Material( Italien, Iran) vor-kommt. Diese Griffbefestigungsart wurde nach der Römerzeit nicht mehr verwen-det, die späteren Sicheln haben ohne Ausnahme eine griffdornige Griffbefestigung.Auch die Form der Klingen hat sich verändert: sie wurden schmaler und kleiner.Diese Form war im 7.- 12. Jh. in ganz Europa allgemein verbreitet. In Ungarnstammt die älteste aus einem germanischen Grab. Der Typ erscheint in den awaren-zeitlichen und späteren ungarischen Gräbern, doch im 11.- 14. Jh. war schon eineandere Form in Gebrauch gekommen: Bei diesen Sicheln schließt sich dem Griffdornein scharf zurückgebogener, gerader Hals mit viereckigem Querschnitt an, welchermit einer starken Krümmung in die Klinge übergeht. Hier gibt es zwei Varianten. ImSpätmittelalter verbreitete sich eine westliche Form, wo die untere Hälfte der Klingebeinahe parallel mit der Richtung des Griffes läuft oder nur einen kaum gekrümmtenRücken hat. Die vor den Türken fliehenden Südslawen führten in Südungarn einegekrümmte Form ein, deren Ursprung aus der Völkerwanderungszeit abgeleitetwerden kann und auf dem Balkan auch im Mittelalter erhalten blieb. Im 14.- 15. Jh.ist abermals das Erscheinen einer westlichen Form zu beobachten, einer kreisseg-mentförmigen Sensensichel mit breiter Stahlklinge.
Dies sind nur einige kurzgefaßte Feststellungen aus dem hochbedeutenden Werk;am Beispiel der Sicheln versuchte ich die mannigfaltigen Probleme aufzuzeigen, dieder Verfasser aus breiter Perspektive zu erläutern trachtet. Hier spricht ein Archäo-loge, der von der Späteisenzeit fast bis heute nicht nur die Arbeitsgeräte kennt, son-dern auch die wirtschaftenden Völker und Gesellschaften, d. h. Menschen, diedamit arbeiteten, auf jeder Seite seines Buches auch die Ethnographen an. Es isterfreulich, daß R. Müller nach über 40 Jahren die Spur weiterverfolgt, die AxelSteensberg in seiner Arbeit über Erntegeräte( Ancient Harvesting Implements.A Study in Archaeology and Human Geography, København 1943) hinterlassen hat.
Béla Gunda
Christoph Gasser,„ Trappin, Gschuicher und andere Fourt". ZuGeschichte, Entwicklung und Ergologie von Abwehrmaßnahmen und Fanggerä-ten aus dem Raum Tirol(= Schriften des Landwirtschaftlichen Museums Brun-nenburg). Dorf Tirol/ Meran 1988, 107 Seiten.
Für Erforscher der Urbeschäftigungen ist dieses Buch eine echte Überraschung.Chr. Gasser präsentiert aus Tirol( hauptsächlich aus Südtirol) gegen Nagetiere undsonstiges Wild gebräuchliche Zauberformeln, kultische Schutzmittel, Fallen undSchlingen, die bislang in der ethnographischen Jagdliteratur unbekannt waren. Diemeisten führt der Verfasser an Hand geschichtlicher Quellen bis zum 14. Jh. zurück,zitiert aber auch häufig aus Arbeiten von früheren, sogar von klassischen römischenAutoren. Tirol zeigt sich hier als ein mannigfaltiges Reliktgebiet europäischer Jagd-geräte, wo das Wild gleichzeitig mit Geräten prähistorischen Charakters und denFallen moderner Zeiten gefangen wird. Aus der gedankenreichen Einleitung desVerfassers eröffnen sich dem Leser die einander verhafteten Probleme menschlichenDenkens, der Zauberei und des Instinkts, der Erfahrung und der Findigkeit, der
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