Doch die Veranstaltung war noch mehr: Die bilateral ausgerichtete Organisation( Verein der Bücherwürmer Lana, Institut für Volkskunde der Universität Wien inZusammenarbeit mit der Südtiroler Hochschülerschaft) und die Herkunft der Refe-renten deutete erstmals nach langer Zeit wieder auf eine„ institutionalisierte“Zusammenarbeit italienischer, deutscher und österreichischer Kulturwissenschaftlerhin. Was ab 1956 als„ Alpes Orientales"( damals unter Einbeziehung Sloweniens)durch etliche Jahre hindurch in einer Reihe von Tagungen an Kontakten und gegen-seitigen Rezeptionen geschaffen wurde, könnte durch die Veranstaltung- natürlichmit anderen Vorzeichen in Lana vielleicht wieder angeregt worden sein.
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Gerade Südtirol böte sich als gemischtsprachige Region für eine permanente Dis-kussion zwischen italienischer und deutschsprachiger Volkskunde an. Insbesonderezwischen den Nachbarn Italien und Österreich wäre eine intensivere Rezeption zubegrüßen; vielleicht mit dem vorläufigen Ziel eines Bandes, vergleichbar mit Chiva/Jeggle( 1987). Jährlich wiederkehrende„ Lanaer Gespräche“ seien somit angeregtund den Veranstaltern der ersten Tagung der Dank für Idee und hervorragendeUmsetzung ausgesprochen!
Helmut Eberhart
,, Methoden und Probleme der Alltagsforschung im Zeitalter des Barock."Bericht vom 10. Symposion des Niederösterreichischen Instituts für Landeskundein St. Pölten vom 10. bis 13. Juli 1989
Die Erforschung des Alltags gehört zu jenen Gebieten, auf denen interdisziplinäreZusammenarbeit besonders notwendig ist. Aus diesem Grund stoßen relevante Ver-anstaltungen benachbarter Disziplinen auf besonderes Interesse. Die Tagung inSt. Pölten, die von der Kommission für Wirtschafts-, Sozial- und Stadtgeschichte derÖsterreichischen Akademie der Wissenschaften und dem NiederösterreichischenInstitut für Landeskunde gemeinsam veranstaltet wurde, versprach daher auch fürdie Volkskunde Interessantes.
Die zehn meist einstündigen Vorträge dieser Tagung sollten verschiedene Berei-che der Alltagsforschung von seiten der Geschichte beleuchten.
Im Eröffnungsvortrag brachte Hans- Jürgen Teuteberg, Münster, unter dem Titel,, Alltagsgeschichte- Möglichkeiten und Grenzen einer neuen Forschungsrichtung"einen Überblick über Entstehung, Entwicklung und methodische Probleme der All-tagsgeschichte. Zur Abgrenzung wurden die Ansätze von Agnes Heller, ThomasLuckmann, Norbert Elias und Henri Lefèvre herangezogen. Danach wurden dieOrientierung an regionalen, oft auch lokalen Themen sowie das von Lawrence Stoneso genannte„ Revival of Narrative" behandelt, die neuerlich verstärkte Einbindungvon erzählenden Elementen als Quelle für die Historische Sozialforschung, die beiden Vertretern dieser Fachrichtung keineswegs immer positiv gesehen wird. DerAspekt einer ,, Geschichte von unten", als welche Alltagsgeschichte häufig vor allemverstanden wird, sowie die damit im Zusammenhang stehenden„ Geschichtswerk-stätten" stellten einen weiteren wichtigen Punkt im Referat Teutebergs dar, ergänztdurch die Darstellung der Versuche in der DDR, eine neue Kulturgeschichte aufmarxistisch- leninistischer Basis zu begründen.
Den Abschluß des Vortrags bildete die Behandlung der Kategorie des Alltagsinnerhalb der allgemeinen Kulturanalyse, wobei auf die vielfältigen Ursprünge derAlltagsforschung in der älteren bürgerlichen Kulturgeschichtsschreibung hinge-
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