Im Auge des Ethnographen/ Nell'ottica degli etnografiVolkskultur und Südtirol/ Cultura populare e l'Alto Adige
Symposion/ Convegno 5.- 7. 5. 1989, Lana, Südtirol/ Alto Adige
Hinter dem unscheinbaren Titel verbergen sich durchaus brisante und kulturpoli-tisch bedeutsame Themenbereiche. Ging es doch nicht so sehr, wie der Titel vorder-gründig zu suggerieren scheint, um„ Visuelle Anthropologie", sondern u. a. umBegriffe, wie Nation, Nationalismus, und es ging auch um nationalsozialistische Kul-turpolitik und Volkskunde in Südtirol.
Das Vortragsangebot ist in vier Themenbereiche zu gliedern, die durch die Auf-teilung auf vier Halbtage auch eine entsprechende zeitliche Struktur erhielten.
Die Veranstaltung begann mit einem Referat des Kölner Historikers Peter Alterüber ,, Nation und Nationalbewußtsein in der deutschen Geschichte( Nazione e senti-mente nazionale nella storia tedesca)". Alter wurde seiner Aufgabe als einleitenderReferent durchaus gerecht und spannte den Bogen der Begriffsgeschichte von denfrühen Ansätzen bei E. M. Arndt, J. G. Fichte und F. L. Jahn bis zu den Identifika-tionskrisen der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und zu Karl Jaspers, der inden sechziger Jahren bei den Deutschen ein fehlendes Nationalbewußtsein regi-striert hatte.
Alters in vier Thesen vorgetragene Gedanken boten einen guten Einstieg in dieTagung, wobei vielleicht nachteilig anzumerken ist, daß die Diskussionsbereitschaftzu Beginn noch nicht so intensiv ausgeprägt war. Sonst wäre u. a. nach jenen Ursa-chen zu fragen gewesen, die ihn den historischen Wandel des deutschen Nationalbe-wußtseins als These formulieren ließen.
Nachdem Alter die Begriffe aus deutscher Sicht umrissen hatte, bot die Kultur-anthropologin Emanuela Renzetti einen ähnlichen Überblick aus italienischer Sicht:,, Cultura populare, nazione, populo nella tradizione italiana( Volkskultur, Nation,Volk in der italienischen Tradition)". Die unterschiedliche wissenschaftliche Her-kunft der beiden einleitenden Referenten zeigte sich auch in den unterschiedlichenAnsätzen. Während Alter von polit- und geistesgeschichtlichen Bedingungen aus-ging, richtete Renzetti ihre Aufmerksamkeit eher auf kulturhistorische und-wissen-schaftliche Aspekte. Sie ging dabei ihrem Vortragstitel entsprechend mehr auf das„ Volk“ ein und arbeitete die Beschäftigung mit diesem Begriff in der italienischenWissenschaftstradition heraus. Der Bogen reichte von einem in der volkskundlichenWissenschaftsgeschichte zur Tradition gewordenen Verweis auf G. Vico bis zur pro-grammatischen Diskussion dieses Begriffes in der ersten Ausgabe von„ La RicercaFolklorica"( 1980). Renzetti zog auch etliche Einzelbeispiele heran, die sie vor allemder Brauchforschung entlehnte.
Der Kulturanthropologe John W. Cole( Massachusetts) bildete mit seinem Refe-rat„ Ethnizitätsbildung( Costitutione di etnie)" den Abschluß des einleitendenBlocks.
Der in unserem Fach seit„ The Hidden Frontier“( 1974), spätestens aber seitseinem Beitrag zum Kongreßband„ Gemeinde im Wandel"( Gemeindestudien derCultural Anthropology in Europa, 1977/79) auch bei uns bekannte J. Cole versuchtein seinem Vortrag die enge Verbindung von Nationalismus und Kapitalismus aufzu-zeigen. Ausgehend von einem„ Weltsystem- Modell" diskutierte er die„ Teilung"Europas in Zentrum und Peripherie. In einem industriellen„ Core" sieht er im19. Jh. wachsende nationale Einigung in große Blöcke, an der Peripherie hingegenwaren gegenläufige Bewegungen spürbar: ein Zerfall großer Blöcke.
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