Jahrgang 
92 (1989) / N.S. 43
Seite
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Solidarstrukturen in Zinshaus und

Quartier ein informelles soziales Netz?

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Zur Bedeutung von Nachbarschaft undMilieu im Wien der Vorkriegsjahre

Von Michael John

I.

Wien weist seit langem eine nahezu unveränderte räumliche Ver-teilung der Sozialschichten auf. Die emotionelle Bindung an einenBezirk ist ein häufig genannter Grund zur Ablehnung einerbestimmten Wohnlage¹. Ohne Zweifel war bereits im Wien derfranzisko- josephinischen Ära die Quartierbindung ziemlich stark.Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der, Wienervom Grund❝2 ein Begriff. Im Verlaufe der rasanten Stadtentwick-lung während der Regentschaft Kaiser Franz Josephs entstand inWien eine großflächige Segregation. Langfristiges Ergebnis derinnerstädtischen Mobilität sowie der Zuwanderung war eine deut-lich ausgeprägte Distanzierung der sozialen Kernschichten Bürger-tum und Industriearbeiterschaft. Am Ende der Spätgründerzeitkonnte man eine Abnahme der Bevölkerung der Inneren Stadt,des 1. Bezirks, zugunsten von Geschäftsentwicklung und Citybil-dung registrieren, sowie die Entwicklung des 4. Bezirks Wiedenzum Oberschichtviertel, was ebenfalls mit einer Abwanderung undVerminderung der Bevölkerung verbunden war. Die Wohnbevöl-kerung des 6., 7. und 8. Bezirks stagnierte, diese Bezirke waren inder Hauptsache von Personen aus der Mittel- und Oberschichtbevölkert. In jenen Bezirken im alten Stadtgebiet, in denen esneben Ober- und Mittelschicht auch große Arbeiterviertel gab,nämlich im 2., 3. und 9. Bezirk, nahm die Bevölkerung stark zu,ebenso im Unterschichtbezirk Margareten, dem 5. Bezirk. Ein ganz

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