Jahrgang 
92 (1989) / N.S. 43
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der Kunstgeschichte und einer Volkskunde, die sich neue kulturwissenschaftlicheFragen stellt, wollten wir die Ausstellung von Anfang an interdisziplinär anlegen.Eine Ausstellung über das Wohnen in Wien konnte dabei auf eine in den letztenJahrzehnten sich differenzierende Forschung zurückgreifen. Architektur, Städte-bau, Wohnen und Umwelt sind in den letzten 25 Jahren zunehmend Gegenstand wis-senschaftlicher Forschung und politischer Diskussion geworden. Diskussionspunktewaren die Kritik am Schwinden urbaner Zentren, an der Zerstörung von Urbanitätdurch den zunehmenden Individualverkehr, an einer erbarmungslos praktischenArchitektur, wie Adorno einmal pointiert gesagt hat, an einer neuen postmodernenArchitektur, deren Formensprache bisweilen unterschiedlichen Disneylands ent-lehnt zu sein scheint und schließlich die Diskussion um die Bedeutung von und dieMöglichkeiten für die Stiftung einer neuen Urbanität.

An diese Diskussionen knüpften sich eine Reihe von Untersuchungen und Forde-rungen. Angesichts vergangener Fehler, werden in stärkerem Maß die zweifellosvorhandenen Werte des Bauens und Wohnens der Vergangenheit wiederentdeckt.Dabei wird nun auch in stärkerem Maß die Analyse der Wechselwirkungen von öko-nomischen Interessen, Zwecken, Funktionen, Bedürfnissen und ästhetischen Wer-ten im historischen Prozeß geleistet. Ich glaube, daß aus einer derartigen interdiszi-plinären Forschung Orientierungshilfen für gegenwärtiges Handeln in den Berei-chen von Stadtplanung, Stadterhaltung, Wohnungsbau und Umweltschutz zu gewin-nen sind. Eine Aufarbeitung der Geschichte des Bauens und Wohnens eröffnet Per-spektiven einer kritisch- konstruktiven Bewältigung aktueller Probleme für diePlanungsverantwortlichen und bietet Orientierungshilfen in einem Bereich, in demjeder persönlich betroffen ist.

Die Beschäftigung mit der Geschichte des Wohnens ist keine isolierte Formen-und Geschmacksgeschichte, keine Geschichte unter Weglassung der Politik. Fragen,wie etwa die, warum zu Hause und im Arbeitsbereich so unterschiedliche NormenGeltung haben, oder die, was wir bei dem Spiel mit der Puppenstube geübt haben,oder die nach sich wandelnden Wohnfunktionen und Raumgrößen oder die nach derBedeutung der Bilder an der Wand und der Gegenstände in den Vitrinen stehen ineinem gesellschaftlichen Spannungsfeld, das sich in der Geschichte verändert. Esstellen sich aber auch eine Reihe anderer Fragen, die nicht aus dem Bereich des per-sönlichen Erlebens bekannt sind, diesem sozialgeschichtlichen Blickwinkel: Welchesozialen Schichten, Gruppen und Personen traten in welcher Epoche als Bauherrenauf? Wie groß waren jeweils die Einflußbereiche der Architekten, Bauherren undBewohner? Wie wurden Finanzierungsprobleme gelöst? Welchen Stellenwert besa-Ben Probleme der Standortwahl? Welche unterschiedlichen Funktionen und Bedürf-nisse prägten in den unterschiedlichen sozialen Schichten die Gestaltung des Wohn-bereiches?

Man ersieht daraus schon, daß die Geschichte des Bauens und Wohnens weit mehrals eine vergleichende Objektgeschichte zu bieten hat. Es ist die Geschichte handeln-der Menschen mit ihren Gewohnheiten, Verkehrsformen und Bedürfnissen.

Der dargestellte Wandel zeigt Veränderungsprozesse, die Wohnen und Stadt indiesem Zeitraum durchlaufen haben: Wachsende Konsummöglichkeiten, Verlust anHeimat, Gewinn an kollektivem und individuellem Selbstwertgefühl, Verlust anIdentität, Gewinn an Spontaneität, Verlust an zwischenmenschlicher und intergene-rativer Kommunikation.

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