Jahrgang 
92 (1989) / N.S. 43
Seite
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Ende oder Veränderung? Arbeiterkultur seit 1945

Tagungsbericht von der 5. Tagung der Kommission ,, Arbeiterkultur" in derDeutschen Gesellschaft für Volkskunde in Tübingen vom 30. April bis 4. Mai 1989

Als im Jahre 1979 im Anschluß an die Kieler Tagung der Deutschen Gesellschaftfür Volkskunde die Bestellung einer Kommission Arbeiterkultur" beschlossenwurde und 1980 in Wien unter dem Titel Volkskunde und Arbeiterkultur" das ersteTreffen stattfand, geschah dies mit der Intention, Geschichte und Gegenwart derArbeiterklasse und ihre Vielfalt von Lebens- und Kulturformen, Einstellungen undVerhaltensweisen in der Volkskunde als legitimen Forschungsgegenstand zu institu-tionalisieren ,,, wobei unser Blickwinkel zweifellos jener der großen, produktiv arbei-tenden Mehrheit sein soll, die freilich in der Regel( absurd genug) bislang nicht sosehr die Träger, sondern Ertragenden der Geschichte waren"( Helmut P. Fielhauer,1986). Auf die Tagung in Wien folgten Hamburg 1983, Marburg 1985 und Steyr 1987.Die 5. Tagung der Kommission, Arbeiterkultur" in der DGV fand unter dem TitelEnde oder Veränderung? Arbeiterkultur seit 1945 vom 30. April bis 4. Mai inTübingen statt. Angesichts der tiefgreifenden Veränderungen in Gesellschaft undWirtschaft aufgrund der technischen Entwicklung und des programmatischen Wan-dels der sozialdemokratischen Parteien in den letzten Jahrzehnten sollten Begriffund Forschungsgegenstand Arbeiterkultur überdacht und ihren qualitativen Verän-derungen und Transformationen in der Nachkriegszeit nachgegangen werden.

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Die am ersten Tag angesetzte Exkursion zur 1.- Mai- Kundgebung nach Reutlingenund auf die Schwäbische Alb nach Albstadt- Ebingen, wo sich aus Flachsanbau undHausindustrie ein wirtschaftlich wichtiges Textilindustriegebiet entwickelt hat,stimmte auf das Thema ein. Bei dieser Möglichkeit zur sinnlichen Erfahrung vonArbeiterkultur ergaben sich wie auch sonst im Verlauf der Tagung deutlicheUnterschiede in der Manifestation von Arbeiterkultur zwischen der BRD und Öster-reich: Die Kundgebung in Reutlingen hielt- ohne Lokalpatriotismus dem Ver-gleich mit dem Maiaufmarsch in Wien nicht stand, selbst wenn man den Größenun-terschied der beiden Gemeinden in Rechnung stellt.

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Was für den Brauchforscher Weihnachten, ist für den Arbeiterkulturforscher der1. Mai. In der am Abend stattfindenden Podiumsdiskussion erfolgte dann auch eineinternationale Bestandsaufnahme der öffentlichen Festkultur des 1. Mai als Symbolder Arbeiterbewegung und als Seismograph für politische Kultur. Gottfried Korff,Tübingen, ortete in der BRD für das Fest, bei dem sich Volks- und Arbeiterkulturverbinden, wie bei keinem anderen, neue/ alte Formen, die nicht mehr von derArbeiterbewegung getragen werden: Die Walpurgisnacht der Frauenbewegung, dieVerehrung des heiligen Joseph der katholischen Kirche, Maibaumaufstellen,Maiausflüge. Nach Korff wandelt sich der 1. Mai von der politischen Demonstrationder Arbeiterschaft zum schichtspezifischen Kalenderfest. Kein Wunder, daß nachdiesem Befund die Maikundgebung in Reutlingen für Österreich nicht sehr ein-drucksvoll war. Denn Olaf Bockhorn, Wien, konnte Maiaufmarsch und-kundge-bung nach wie vor als Protestveranstaltung im Sinne der klassischen Arbeiterbewe-gung interpretieren. Auch wenn der politische Protest angesichts der langjährigenSPÖ- Regierung etwas zum Paradoxon verkommt, finden sich neue Anliegen, wieetwa heuer der diskutierte EG- Beitritt Österreichs, die der Artikulation bedürfen.Als Anlaß für politischen Protest erweist sich nach Paul Hugger, Zürich, der 1. Mai,nachdem sozialer Friede und Wohlstand dieses Fest fast entschlafen ließen,

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