An den Grenzen des Sittlichen
Fluß- und Freiluftbadelust vor den Toren Wiens*
Von Ernst Gerhard Eder
Erregende Spannungen
Erholung, Muße, Müßiggang, Amüsement, entspannender wieer-, an- und aufregender Zeitvertreib waren in der alteuropäischenGesellschaft durchaus integrale Bestandteile des Alltagslebens.Menschliche Handlungen und Verhaltensweisen im Rahmen derBadekultur zählten in hohem Maße hierzu. Im Mittelalter gab es inWien Badestuben, die von allen Schichten der Bevölkerung eifrigfrequentiert wurden, da ihr regelmäßiger( meist samstägiger)Besuch fest im Wochenrhythmus verankert war. Hier konnte mansich waschen, gesund und schlank schwitzen, vom Bader schröpfenund einen Kräuterumschlag gegen allerlei Beschwerden auflegenlassen, oder man konnte zusammen mit anderen ein Bad nehmen,das keineswegs der Körperreinigung, Schwitz- oder Schröpfkurallein diente. Da in Badehäusern für Speis, Trank und Unterhal-tung gesorgt wurde, stand einem ausgedehnten Aufenthalt imimmer wieder von Badeknechten mit heißem Wasser angefülltenHolzzuber nichts im Wege. Geschlechtertrennung oder Badebe-kleidung hielt die Zeit gewöhnlich für überflüssig. Von sinnlich-lustvollen Wasser-, Dampf- und Wärmeerlebnissen( nur eineschmale Oberschicht konnte sich winters den Luxus geheizterWohnräume leisten) über erotische, wollüstige, genital- sexuelleFreuden bis hin zur handfesten Prostitution war in diesen Etablisse-ments alles umstandslos zu haben.
War die Frequenz der Badebesuche der Wiener im 14. Jahrhun-dert so groß, daß für die geschätzten 30.000 bis 40.000 Stadtbewoh-ner 29 öffentliche Badestuben¹ gerade ausreichten, muß die der
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