Jahrgang 
92 (1989) / N.S. 43
Seite
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Zwischen McDonald's und weißemBrautkleid. Brauch und Ritual in eineroffenen, säkularisierten Gesellschaft*)

Von Christine Burckhardt- Seebass

Mit ihrer älteren Generation reicht unsere Zeit noch in eine Epo-che hinein, die von überaus stark verfestigten Regelungen des Ver-haltens, in der Sphäre des Alltags so gut wie im festlichen Bereich,bestimmt war. Das Besondere daran, die Gültigkeit dieser Rege-lungen für alle sozialen Schichten und die Tatsache ihrer weitgehen-den Internalisierung, die den Zwang vergessen läßt, bestimmen dasBild von diesem Gestern( nicht nur bei den noch Beteiligten) sostark, daß die Neigung aufkommen mag, Historisches für Absolu-tes, geradezu Ontologisches zu halten. Die Diskussion um Ehe undFamilie und die Schwierigkeiten mit der Emanzipation der Frausind eindrücklichste Beispiele dafür. Auf dem Gebiet des Anstandswäre Ähnliches festzustellen. Änderungen, wie sie in den sechzigerund siebziger Jahren unseres Jahrhunderts einsetzten, können dannnur noch als bedrohlich, als Abweichung vom Normalen, Natürli-chen oder zumindest als Umkehr der von Norbert Elias aufgezeig-ten, sozial zwingenden Entwicklung verstanden werden, die dieGefahr der Anomie heraufbeschwören muß. Hans- Joachim Hoff-mann- Nowotny sprach vom Weg in eine autistische( d. h. egozen-trische, an Kooperation nicht mehr interessierte und zu ihr nichtmehr fähige) Gesellschaft von Einzelgängern¹. Und Arthur E.Imhof hat, ohne die pessimistische Weltsicht des Soziologen damitunbedingt zu teilen, nach historischen Gründen für diese Entwick-lung gesucht: Der Wegfall des Zwangs zu kollektiven Überlebens-strategien durch die Eliminierung von Hunger und Seuchen

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