Jahrgang 
92 (1989) / N.S. 43
Seite
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Jüri Talvet( Zstlllg), Der Flötenspieler. Estnische Märchen. Tallinn, VerlagPerioodika, 1987, 198 Seiten. Illustriert von Jaan Tammsaar.

Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel Volkserzählungen bei den Esten, Finnenund Kareliern im Umlauf waren und zum Teil noch lebendig sind. Dieser Band, demein Vorwort von Kristi Salve vorausgeschickt ist, bringt eine kleine Anthologieestnischer Märchen, die den Sammlungen von Friedrich Reinhold Kreutzwald( 1803-1882), Juhan Kunder( 1852-1888), Matthias Johann Eisen( 1857-1934)sowie anderen entnommen sind.

Die vorliegende Ausgabe enthält sowohl manche düstere und mehr sagenhafteErzählung wie auch solche mit schwankhaftem Untergrund. Wir begegnen darin dentypischen und im Estnischen besonders beliebten Heldengestalten wie dem schlauenund furchtlosen Darrenheizer, oder dem Typus der Waisenkind- Erzählung, wir sto-Ben auf die charakteristischen Handlungsplätze wie Sauna und Korntrockenplatz,und es mangelt auch nicht an jenen bösen und Fieberkrankheiten verbreitendenGeistern, deren Provenienz in Lappland Glossar ::: zum Glossareintrag  Lappland zu suchen ist.

Unter den Tieren fällt auf, daß der Wolf eine große und mitunter widersprüchlicheRolle spielt. Einerseits ist er Geschöpf des Teufels, andererseits verfolgt er selbstden Teufel. Ja, man bezeichnet die Wölfe sogar euphemistisch als die, Welpen desheiligen Georg".

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Talvet hat zweifellos repräsentative und aufschlußreiche Texte ausgewählt, diezumeist zugleich eine starke Suggestion ausstrahlen. Man merkt zwar den unter-schiedlichen Stil der Sammler, doch reichen die meisten Geschichten sehr dicht andie Erzählhaltung der Originale heran. Auffallend ist dabei die Armut an Formelgut.Es gibt kaum ausgeprägte Schlußwendungen, sondern die Märchen laufen realistisch

aus.

Obwohl die Ausgabe wohl mehr für Kinder gedacht ist, besitzt sie doch ihrenWert für jeden, der sich über estnische Volkserzählungen informieren will.Felix Karlinger

Jürg von Ins( Hrsg.), Abraham von Worms, Das Buch der wahrenPraktik in der göttlichen Magie. Vergleichende Textausgabe mit Kom-mentar, München, Eugen- Diederichs- Verlag, 1988, 264 Seiten.

Im Bereich jener Schriften, die sich seit dem Spätmittelalter mit magischen Prak-tiken beschäftigt haben, gehört Abraham von Worms, dessen Lebenszeit sich schwerdatieren läßt- 1362-1458?-, zweifellos zu den wichtigsten. Zahlreiche Zauberbü-cher späterer Jahrhunderte haben von ihm Anregungen empfangen.

Der Herausgeber der vorliegenden Ausgabe ist sowohl den verschiedenen Aspek-ten mit Akribie nachgegangen, welche für die magischen Vorstellungen an derSchwelle zur Neuzeit charakteristisch sind, wie er auch hinsichtlich der verschiede-nen Vorlagen einen wohlausgewogenen Text erarbeitet hat. Seine vergleichendenBeobachtungen- er spricht zu recht von bibliographischen Wünschelruten"lassen keine wesentliche Handschrift außer Betracht. Und seine vergleichende Text-ausgabe setzt sich zusammen wie folgt: Erstes Buch des Juden Abraham; ZweitesBuch des Juden Abraham( nach Jung); Zweites Buch des Juden Abraham( dasdritte nach Scheible, Kefer und Jung); Drittes Buch des Juden Abraham( Auszüge).

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