Von dieser Fassung der Christherrechronik weicht Rudolfs Weltchronik nur unwe-sentlich ab. Hier ist wie bei den Schattenfüßlern zu spüren, daß der Übersetzer mitden beschriebenen Fabelmenschen auch visuelle Eindrücke verbindet, die sich in dersprachlichen Gestaltung auswirken.
Das letzte bei Honorius erwähnte Wundervolk ist das der Apfelriecher( seltenauch als Astomes bezeichnet und dann mit dem Volk der Mundlosen oder Klein-mündler verwechselt, welche Nahrung nur durch einen Strohhalm aufnehmen kön-nen¹6) hier ohne jeden Namen, welches er am Paradiesesfluẞ Phison wohnen läẞtund die nur vom Geruch der Äpfel leben; auf Reisen führen sie Äpfel als Nahrungmit sich, und schlechte Gerüche führen zu ihrem Tod. Diese Beschreibung ist im Mit-telhochdeutschen sinngemäß wiedergegeben, um einen reinen Irrtum dürfte es sichbei der Stelle der Christherrechronik handeln:
sô sie siechent und ligent tôt
sô sint die epfel tôt zehant.
sô ein boeser smac in wirt erkant
so wirt ir lebens ende sâ.
Während Rudolf, sicherlich richtiger, dafür folgende Verse hat:
si siechent unde ligint totund sint verdorben sa zehant,wirt in ein bosir smach bekant:daz wirt ir lebins ende iesa.
( V. 374-377)
( R. v. E., V. 1665-8)
Daran schließt ohne speziellen Hinweis das bei Honorius, Lib. I, 13, folgendeVerzeichnis tierischer Monstren, welches dem lateinischen Original ebenso treu folgtwie das Wundervölkerverzeichnis.
Es handelt sich also beim Wundervölkerverzeichnis in den beiden verwandtenChroniktexten um eine verbose, aber ansonsten recht phantasielose Versüberset-zung der entsprechenden zwei Kapitel bei Honorius; genauso trocken wie die obigeDarstellung gibt der mittelhochdeutsche Übersetzer die Informationen wieder, nurselten kürzt er ihm allzu grausam scheinende Stellen, meist aber übersetzt er daslateinische Original, indem er den Text möglichst breit wiedergibt, wobei er sich abernur selten zu einem originellen Kommentar durchringt; nur an einer einzigen Stellekönnte es sich um eine Reminiszenz aus dem Lucidarius handeln, sonst deutet nichtsauf andere, von ihm zusätzlich verwendete Quellen. Wie dem lateinischen Originalfehlt auch der Übertragung jegliche Reflektion über die Natur der Wundervölker.Nur Abweichungen der Namensformen weisen darauf hin, daß die Überlieferungdes dem Übersetzer vorliegenden lateinischen Textes geringfügige Abweichungenvon dem uns bekannten Text enthalten haben könnte; Varianten, wie Cenopodesfür Cyclopen, dagegen sind, wie die verschiedenen mhd. Handschriften zeigen, erstden Abschreibern der Chroniken anzulasten.
Anderseits liegt jedoch eine recht getreue Übersetzung von Honorius vor, mit wel-cher der Übersetzer erstmals im deutschen Mittelalter versuchte, einen volkssprach-lichen Wundervölkerkatalog aufzustellen; dabei ist es ihm gelungen, trotz der knap-pen Informationen seiner lateinischen Vorlage, über die er auch nicht hinausgehenwollte oder konnte, die bei weitem umfangreichste Abhandlung über die Wunder-völker in mittelhochdeutscher Sprache zu verfassen, und verdient schon insofernBeachtung.
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