ist in den letzten 15 Jahren die Betrachtung der mittelalterlichen Wundervölker undMonstren beinahe zu einem eigenen kleinen Forschungsbereich der Mediaevistikgeworden. Während sich in den siebziger Jahren einzelne Aufsätze mit Teilberei-chen und einzelnen Werken beschäftigten³, ist seit Anfang der achtziger Jahre eineReihe von umfangreichen Abhandlungen entstanden, welche die Frage nach Her-kunft und Verbreitung mittelalterlicher Wundervölker für große Teilbereicheabdeckt.
Wenn der Versuch unternommen wird, große Gebiete möglichst vollständig abzu-handeln, ist es allerdings meist unumgänglich, daß Details dabei etwas in den Schat-ten rücken; dementsprechend sind bisher auch Detailuntersuchungen, vor allem wasdie mittelhochdeutsche Literatur anbelangt, eher auf die unbestritten literarischenWerke beschränkt, während Texte mit schon etwas zweifelhafterem literarischenAnspruch oder Sachtexte überhaupt allenfalls als Vergleichsmaterial herangezogenwerden, nicht aber selbst Gegenstand von Untersuchungen wurden.
Dieses Geschick haben bislang auch die Weltchronik des Rudolf von Ems und diedamit eng verwandte Christherrechronik erlitten, obgleich diese Werke die bei wei-tem umfassendsten Wundervölkerverzeichnisse der mittelhochdeutschen Literaturenthalten. Da sich die wissenschaftliche Meinung über die in diesen Werken enthal-tene Kosmographie und Ethnographie aber üblicherweise auf die Rezeption derzuerst von Zingerle für die Christherrechronik aufgestellte These„ Als Hauptquellederselben muß die historia naturalis des C. Plinius Secundus angesehen werden❝7und dann der korrekten Auffassung von Doberentz von„ der Imago mundi desHonorius Augustodunensis[...] Rudolfs unmittelbare quelle❝8 beschränkt hat, istweder diese Kosmographie noch das darin enthaltene Wundervölkerverzeichnisnäherer Beachtung gewürdigt worden.
Die letzte eingehende Untersuchung der Kosmographie in Rudolfs Weltchronikist die umfangreiche Behandlung von Rudolfs Quellen durch Doberentz 1881 und1882. Er konzentrierte sich allerdings in der immerhin knapp 200 Seiten umfassen-den Arbeit ausschließlich auf die Frage nach Quellen, handschriftlichen Zusammen-hängen und einer kritischen Edition der Kosmographie; die Funktion der Kosmogra-phie in Rudolfs Werk, Darstellungsweise im Vergleich zu den Quellen, Verhältniszum Abschnitt in der Christherrechronik und die anderen mittelhochdeutschenParallelen blieben völlig ausgespart. Lecouteux dagegen in seiner großen Arbeit zuden Wundervölkern in der mittelhochdeutschen Literatur behandelt Rudolfs Welt-chronik nur ganz peripher als einen unter vielen Texten( die Christherrechronik wirdüberhaupt nicht genannt), so daß bislang von einer Erörterung der Wundervölker inRudolfs Weltchronik und der Christherrechronik keine Rede sein kann⁹.
In beiden Chroniken setzt die Beschreibung der Wundermenschen wie bei Hono-rius( I, 9) mit der Erwähnung von Gog und Magog ein, welche Alexander der Großewegen ihrer Wildheit und Gefährlichkeit zwischen dem Kaspischen Gebirge und derKaspischen See eingeschlossen habe, wobei ergänzt wird, daß
,, dé gein der welte endis zil"( R. v. E., V. 1482)wohnten. Nach kurzer, Honorius genau entsprechender Erwähnung der 40 Provin-zen Indiens folgt eine Aufzählung der Garmanen, Orestas und Coatras, ohne jegli-che Nennung der Eigenschaften, wobei die letzteren bei Rudolf wie in der VorlageCôâtras, in der Christherrechronik jedoch Takas oder Taackas genannt werden. Daein solches Volk sonst nicht belegt ist, dürfte es sich um den nicht allzu fern-
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