Zur amerikanischen Volkskunde.
Standortbestimmung
der heutigen Theorie und Praxis*Mit einem Beispiel aus der Feldforschung bei deutsch-sprechenden Amerikanern( Amische Alter Ordnung)
Von James R. Dow
Heuer feiert die American Folklore Society das hundertste Jahrihres Bestehens. Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts standen die ame-rikanischen Folkloristen stark unter dem Einfluß ihrer europäi-schen Kollegen. Erst als junge amerikanische Forscher in den sech-ziger Jahren ihre eigene fachliche Identität in Folklore- Institutenamerikanischer Hochschulen erarbeiteten, kamen sie dazu, eigeneTheorien zu entwickeln und die dazugehörige Feldforschungspraxiszu reorientieren. Seit etwas mehr als einem Jahrzehnt spricht manin akademischen Lehrveranstaltungen und auf öffentlichen Kon-gressen vor allem von einer sogenannten„ Performanz"-Theorie.Die Umsetzung dieser Theorie durch Feldforscher, die die Interak-tion unter Gewährsleuten beobachten und sie in ihren wissenschaft-lichen Arbeiten behandeln, hat selbstverständlich zu heftigenDebatten geführt. Es soll hier versucht werden, am Beispiel vondeutschsprechenden Amerikanern( Amische Alter Ordnung)Theorie, Praxis und Problematik zu erläutern.
Vor genau 30 Jahren kam ich als junger und sehr unerfahrenerStudent zum ersten Mal nach Österreich. Selbstverständlich fuhrich sofort nach Innsbruck und Wien, da mir diese zwei Städte vonder Schule her bekannt waren. Das war in der Zeit vor JulieAndrews, als das Salzkammergut, die Lipizzaner und die FamilieTrapp den meisten Amerikanern noch kein Begriff waren undbevor Amerikaner das Lied„ Edelweiß", ohne jemanden in Öster-
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