Jahrgang 
91 (1988) / N.S. 42
Seite
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gemeinschaften, eine Auflistung der Tiroler Spielorte sowie eine ausführlicheBehandlung der Exl- Bühne im speziellen.

Besonders interessant ist das 3. Kapitel. Der Autor zeigt darin u. a. anhand tat-sächlicher Begebenheiten aus jüngster Zeit, wie lebendig das patriarchalische bäuer-liche Herrschaftsmodell ist, wie sehr, der Kapitelüberschrift entsprechend, die, Ord-nung der Väter", geknüpft an Hof und Besitz, heute noch besteht und in den neue-sten Volksstücken auch aktualisiert wird. Die zentralen Themen Haus und Hof,,, Das Dorf, Liebe, Ehe und ledige Kinder sowie Helden und Heilige"( speziellder Tiroler Freiheitskämpfe) werden an zahlreichen Stücken herausgearbeitet.

Das 4. Kapitel schließt nahtlos an diese Ausführungen an und betrifft die handeln-den Personen in den Volksstücken. Durch die Reduzierung des Weltgeschehens aufdie überschaubare Gemeinschaft im Dorf bzw. Tal rückt der Kreis der bekanntenPersonen ins Zentrum der Handlung, oder, wie Mertz sagt, das Ordnungsmodellder Welt auf dem Volkstheater ist die Familie"( S. 175). Daran anschließend folgteine Kurzanalyse der verschiedenen dramaturgischen Gattungen.

Im nächsten Kapitel mit dem Titel, Blut und Boden- Ideologische Verirrungen"geht der Autor zuerst allgemein auf die Idyllisierung und die in weiterer Folge darausresultierende Ideologisierung von Bauernstand und Landleben sowie die damit ver-bundenen Bestrebungen der Heimatkunstbewegung im Dritten Reich ein, umdann festzustellen, daß- wider Erwarten- das Volkstheater in dieser Zeit keinenHöhenflug erlebte. Im Gegenteil, in der programmatischen Konzeption des Volks-theaters als Nationaltheater, in dem regionale Besonderheiten der Gemeinsamkeiteines Nationalgefühls" untergeordnet werden mußten, konnte das regional ver-wachsene Theater nur eine untergeordnete Rolle spielen. Nach dem Zweiten Welt-krieg zeigte man wenig Interesse für Erinnerungen an jene Zeit. Für die Volksstückewird diesbezüglich auf die auf ihnen lastende Hypothek der Begriffe und Terminolo-gie, die weiterhin mit der NS- Propaganda und-Ideologie gleichgesetzt wurden, ver-wiesen, welche erst langsam abgebaut werden konnte.

Das Abschlußkapitel beschäftigt sich mit der heutigen Situation des Volksthea-ters. Die Lebendigkeit zeigt sich dabei nicht nur im Zuschauerzuspruch und derAnzahl der aktiven Volksbühnen, sondern auch vor allem an den zahlreichen jungenAutoren, die sich diesem Genre verschrieben haben. Zusätzlich beleben auch dieSkandale, die manche Stücke auslösten, die Szene.

Insgesamt bietet das Buch einen ausgezeichneten Überblick v. a. über die heutigeVolkstheaterlandschaft Tirol. Besonders die Ausführungen über Aufführungspraxisund die kritischen Themenanalysen anhand zahlreicher Textvergleiche informierenden in erster Linie wohl literatur- und theaterwissenschaftlichen Leser. Interessantist die Arbeit aber auch für den Volkskundler, dem Volksschauspiel und Volksthea-ter eben nicht nur die geistlichen und weltlichen Spiele des Mittelalters und Barockssein dürfen.

Hartmut Prasch

Pavlos Hidiroglu, Ethnologikoi provlimatismoi apo tin turkiki kai elli-niki paroimiologia( Ethnological Thoughts on Turkish and Greek Proverbs/Ethnologische Überlegungen zur türkischen und griechischen Parömiologie)(= Laographia, Beiheft 10), Athen 1987, 164 Seiten.

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