Jahrgang 
91 (1988) / N.S. 42
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nerstift St. Lambrecht so reich und die Texte so spärlich sind( vgl. O. Wonisch, DieTheaterkultur des Stiftes St. Lambrecht. Graz 1957) kommt der Auffindung undHerausgabe dieser Barocktexte eine gewichtige Bedeutung zu. Auf S. 58-67 ist dererste Text analysiert und kommentiert, während S. 137-158 eine Umschau inräumlicher und zeitlicher Nachbarschaft bringt, eine kulturhistorische, textgrup-penmäßige und theatergeschichtliche Einordnung der beiden Mürztaler Passions-spiele. Der Verfasser geht hier vor allem auf Quellen zur innerösterreichischen Spiel-prozession, im besonderen auf Skofja Loka, Kranj u. a. ein. Auch der historischeHintergrund der Kindberger Kalvarienprozession wird ausgeleuchtet und einemSondermotiv in der Geißelungsszene Christi, in seinen Verzweigungen zwischenSchweden und Italien nachgegangen( vgl. schon ÖZV 26[ 1972], S. 116–126). Hier,wie auch schon im Eingangskapitel, kann sich der Verfasser großenteils auf seineeigenen Vorarbeiten verlassen. Zu den bekannten steirischen Spiel-( Tal-) Land-schaften ist eine weitere hinzugekommen: das Mürztal.

Walter Puchner

Peter Mertz, Wo die Väter herrschten. VolkstheaterWien- Köln- Graz, Böhlau, 1985, 272 Seiten.

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nicht nur in Tirol.

Im Vorwort wird von Wolfgang Pfaundler bereits auf die Bedeutung dieses Wer-kes für die Volksschauspielforschung und die damit beschäftigten Wissenschaftenhingewiesen, wenn auch sein Vorwurf gegen das Innsbrucker Volkskundeinstitut, eshabe sich mit diesem Thema kaum beschäftigt, nicht ganz gerechtfertigt erscheint.Immerhin entstanden dort 1975 und 1980 zwei Dissertationen, die sich dieser Thema-tik widmen( Gruber, Alfred: Barocke Frömmigkeit und Spielkultur in Kaltern, 1975;Haas, Christa: Die Tiroler Volksbühnen, 1980). Vor allem die Arbeit von Ch. Haasbeschäftigt sich sehr eingehend mit der aktuellen Situation der Tiroler Volksbühnenund dürfte eigentlich auch im Literaturverzeichnis zu Mertz' Buch nicht fehlen.

Das Werk ist insgesamt in sechs Abschnitte untergliedert, von denen der erste sichvor allem mit den Begriffen Volk", Volksschauspiel und Volkstheater" befaßt.Dabei wird auch die Entwicklung vom früher abschätzigen Provinzbegriff zur Besin-nung auf die kulturelle Eigenständigkeit und die damit verbundene Wiederentdek-kung der Volkskunst und des Dialekts als deren Äußerungen aufgezeigt, die letztlichauch dazu führte, daß die Dialekt- Stücke und-Gedichte literaturwissenschaftlicheBeachtung fanden.

Behandelt werden auch die differierenden Auffassungen, die bei den verschiede-nen Wissenschaftsrichtungen, aber auch bei Kritikern und Dramaturgen über dieBegriffe ,, Volkstheater, Volksbühne und, Volksschauspiel" herrschen. Schließ-lich definiert Mertz Volkstheater als durch Einheit von Spielern und Zuschauern ineiner von Spieltradition geprägten Landschaft ausgezeichnet. Durch das Zusammen-wirken dieser Komponenten ergibt sich auch die Beschränkung des Volkstheatersauf seine Bezugsregion, aus der translociert Sinn und Inhalt nicht mehr vermittelbarscheinen, weil sie außerhalb des Erfahrungsbereichs der Zuschauer liegen.

Das zweite Kapitel umfaßt, ausgehend von einem kurzen historischen Abriß überdie Entwicklung des Volksschauspiels in Tirol von den geistlichen und weltlichenSpielen des Mittelalters bis zu den heute mehr denn je aktuellen Passionsspielen( v. a. Erl und Thiersee) und den zahlreichen heutigen Volksbühnen und Spiel-

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