Das Buch von Wührl liest sich vor allem deshalb gut, weil es nicht nur eine Analyseder Bauform und der Bestandteile des Märchens von Hoffmann ist, sondern weil esden tieferen Gehalt und den bewegten Hintergrund des Textes ebenso spannendbewußt macht. So erfährt man nicht nur das literarische und zeitgenössische Drum-herum sowie die Seltsamkeiten des Autors angedeutet werden, sondern der Autorvermag intelligent aufzuzeigen, wie und warum diese Geschichte auf uns so starkwirkt. Denn der„ goldne Topf“ ist zweifellos das märchenhafteste( Kunst-) Märchendes 19. Jahrhunderts, und es nicht nur an der Oberfläche zu lesen, führt zur Einsicht,wo die Polarität von Volkserzählung und Kunstmärchen ihren Ausdruck findet, undwo und wie sie Gemeinsames hat.
Es sind vollkommen verschiedene Sprach- und Stilebenen, auf denen Hoffmannund ein Volkserzähler ihren Sinnzusammenhang ausspinnen, aber die Art der vomErzählvorgang ausgehenden Faszination ist bei allem sonst Gegensätzlichen dochstark verwandt.
Die Funktion des Phantastischen mag abweichen, die Symbolik sogar konträr lie-gen, Verzauberung des Lesers wie des Zuhörers gehören doch gemeinsam zumwesentlichen Zweck. Wührl schlüsselt sehr behutsam auf, er lenkt nicht vom Haupt-ziel ab, wenn er ins Detail geht, vielmehr kristallisiert sich gerade aus der Betrach-tung der Einzelerscheinungen ein aufschlußreicher Eindruck des vorliegenden Mär-chens.
Eines seiner Kapitel nennt er„ Märchendichtung als Flucht aus der Wirklichkeit“.Das hat sicher für den literarischen Bereich seine Gültigkeit. Zugleich vermögen wirvielleicht hier den Unterschied zum Volksmärchen zu erkennen, das keine Fluchtaus der Wirklichkeit, sondern lediglich in eine andere Art von Wirklichkeit darstellt.Solche Unterschiede werden ja auch am literaturwissenschaftlichen Terminus,, Wirklichkeitsmärchen“, wie ihn Wührl verwendet, ablesbar.
Wichtig bleibt, daß die kluge Auseinandersetzung Wührls mit diesem Märchen fürunsere volkskundliche Betrachtungsweise des großen Komplexes ,, Volkserzählung"aufschlußreich und weiterführend ist.„ Modellanalysen: Literatur“ nennt sich dieSerie, in welcher der besprochene Band als Nummer 17 erschienen ist. Er ist zugleichdie Analyse eines Modells wie das Modell einer Analyse.
Felix Karlinger
Aleksandra Popvasileva( Zweisprachiges Erzählen von Geschichten:Walachisch- makedonisch und Makedonisch- walachisch). Skopje1987, 314 Seiten.
Die vorliegende Arbeit wurde als Dissertation von Milko Matičetov betreut, des-sen gediegene Schule man dem Buch anmerkt. Das Thema ist für die Erzählfor-schung von höchster Wichtigkeit, wurden doch bisher fast nur Untersuchungen überzweisprachige Volksliedsänger, aber kaum über Erzähler verfaßt. Matičetov selbsthat die Problematik bereits in einem Referat gelegentlich des Kongresses für Volks-erzählforschung in Kiel( 1959) –„ Gefahren beim Aufzeichnen von Volksprosa inSprachgrenzgebieten"- aufgegriffen. Auch von Agnes Kovacs gibt es dieses Thematangierende Studien. Aber erst das vorliegende Werk bringt in breitem Umfang39 Texte!- vergleichbares Material, das in den siebziger Jahren gesammelt wordenist.
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