Jahrgang 
91 (1988) / N.S. 42
Seite
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In der Volksliteratur habe ich bei der Feldforschung zwar Texte mit sehr detailliertdargestellten Sexualakten gehört und aufgenommen, jedoch ist mir kein Fallbekannt geworden, in dem man lediglich zur Aufreizung Obszönitäten erzählt hätte.Das Sexuelle wurde nicht als Selbstzweck erzählt, sondern es hatte jeweils einebestimmte Funktion im gesamten Sinnzusammenhang.

Die Problematik beginnt schon bei gewissen Motiven. Röhrich nannte beispiels-weise die Sodomie. Was aber ist das? Wenn ein Mädchen mit einem Tier koitiert,kann dies verschiedene Hintergründe haben: 1. einen mythischen Bezug( Europaund der Stier), wie er in Märchen des Balkans und der Pyrenäen- Halbinsel recht aus-führlich dargestellt werden kann, wenn eben der Tierbräutigam die Ehe vollzieht;2. es kann sich um Raub und Vergewaltigung des Mädchens durch ein Tier mitdämonischem Charakter handeln( am häufigsten tritt unter diesem Bild der Bär auf,seltener der Ziegenbock); 3. es kann sich um einen verzauberten Menschen in zoo-morpher Gestalt handeln, der durch den Koitus erlöst und entzaubert wird; 4. eskann sich um die Vorgeschichte, um die Zeugung eines halb tierischen, halb mensch-lichen Wesens handeln( wie beim sizilianischen Märchen von Colapesce, dessenVater ein Delphin ist); 5. durch Irrungen und Wirrungen über seltsame Umwegekann ein liebendes Paar zusammenfinden, obwohl alles mit einer Sodomie einzuset-zen scheint.

Es wäre zu untersuchen, welche Funktion etwa der Analkoitus haben kann( zumeist die Betrügung eines Dämons oder einer Dämonin), ja welche Rolle etwaganz bestimmte Stellungen des Koitus haben, wie es noch heute in asiatischen Mär-chen begegnet.

Im Geschlechtsakt ist der Mensch einerseits besonders leicht verwundbar und des-halb allen erdenklichen Angriffsmöglichkeiten von seiten des Dämonischen ausge-setzt, und andererseits kann gerade der Koitus in der Abwehr dämonischer Mächtewichtig sein. Die Religionswissenschaft ist hinsichtlich der Erforschung solcher Phä-nomene der Erzählforschung beträchtlich voraus, und es ist nicht einzusehen, warumman nicht versucht, den Rückstand aufzuholen.

Fazit: Der vorliegende Band enthält mehrere wichtige und sachlich richtige Analy-sen, die jedoch nur in die Nähe des Zentrums führen. Was fehlt, ist nicht nur dieKlärung der Frage der funktionellen Bedeutung des Sexus im Märchen, sondern istebenso eine Synthese des Vorgelegten.

Felix Karlinger

Paul- Wolfgang Wührl, E. T. A. Hoffmann: Der goldne Topf.einer ästhetischen Existenz. Paderborn 1988, 137 Seiten.

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Die Utopie

Vor einem halben Jahrhundert hat der Schreiber dieser Zeilen begonnen, sich mitMärchen zu beschäftigen. Damals vermeinte er zu wissen, was ein Märchen sei.Heute ist es ihm klar, daß er es nicht weiß.

Viele der in der Volkskunde verwendeten Begriffe kommen aus der Germanistik;ein großer Teil hat sich in der Terminologie bewährt, bei anderen hat es viele Miẞver-ständnisse gegeben. Dazu gehört zweifellos das Wort Märchen", das in allenerdenklichen Farben schillert und das je nach dem Standpunkt des Betrachters oszil-liert. Es ist gut und nützlich, sich anzusehen, was ein Germanist hierzu meint.

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