Jürgen Janning, Luc Gobyn( Hrsg.), Liebe und Eros im Märchen. Hrsg. imAuftrag der Europäischen Märchengesellschaft. Kassel, Erich Röth, 1988, 218Seiten.
Der Band enthält neben einer Einleitung: Felicitas Betz, Eros und Liebe- in derSchöpfung wie im Märchen; Lutz Röhrich, Erotik und Sexualität im Volksmärchen;Ype Poortinga, Erotik und Liebe in den Zauber- und Novellenmärchen des Erzäh-lers R. P. de Jong; Heino Gehrts, Vom Beischlaf im Zaubermärchen; Lynn Snook,Das Märchen„ Amor und Psyche" des Apuleius; Verena Kast, Märchenpaare inihrer Entwicklung; Walter Scherf, Fantastische Vorstellungen und weibliche Selbst-findung; Franz Vonessen, Der Dummling als Liebhaber; Heino Gehrts, Bild undName der Geliebten; Wolfdietrich Siegmund, Verliebt in ein Bildnis.
Es ist ein Dilemma der meisten modernen Kongresse und in Konsequenz davonder entsprechenden Referate- Bände, daß sie ohne Koordination organisiert sind.Man meint, es genüge, ein Thema zu stellen und dazu geeignete Referenten einzu-laden. Das Ergebnis ist nur allzuoft eine Serie von guten Beiträgen mit einer zentri-fugalen Tendenz. Das Thema wird zwar mehrfach tangiert, es wird jedoch nichtsystematisch decachetiert oder gar debattiert.
So enthält auch der vorliegende Band einige ausgezeichnete Aufsätze, wie die vonRöhrich, Scherf und Gehrts. Daneben stehen dann Beiträge wie jener von Vones-sen, der intelligent und philosophisch gehaltvoll ist, jedoch mit Volkserzählungkaum zu tun hat.
Was hätte man sich von diesem Band erwartet? Zweifellos ist der Begriff„ Liebe"viel zu vage und zu verschwommen, als daß man ihn ohne Akzentuierung auf einspezielles Problem der Liebe im Märchen analysieren kann. In dieser Hinsicht deutetder Terminus ,, Eros" bereits mehr an. Röhrich hat diesen Aspekt auch aufgegriffenund ebenso hat ihn Gehrts herausgestellt. Röhrich gibt einen weit gefaßten Über-blick, hört jedoch beim Detail dort auf, wo es interessant wird. Und Gehrts bleibtbei seinem Beischlaf- Kapitel zu abstrakt und allgemein. Scherf bietet zwar eineexemplarische Analyse eines Textes, doch stehen da die erotischen Probleme imHintergrund.
Liegt es daran, daß man in Erwartung der Kongreßteilnehmer immer noch zu starkunterm Eindruck eines Märchenbildes stand, das die jenseits von Gut und Bös ste-hende Großmutter mit ihrem ebenso gearteten Enkelkind vereint?
Röhrich sagt zwar( S. 46):„ Was gilt als harmlos, was als unanständig oder gar ob-szön? Wie offen oder wie versteckt in Metaphern, Bildern und Symbolen wird überSexualität gesprochen? Was ist in, was außerhalb einer Ehe erlaubt und legitim? Wersind die Kontrollinstanzen und Überwachungsmechanismen und wie funktionierensie? Wie beurteilt man Außenseiter oder Normabweichler,... Nonnen, Homo-sexuelle, Prostituierte? Welche Auffassungen bestehen über Ehebruch, Jungfräu-lichkeit, Sodomie, Onanie, Inzest? Was gilt als sexuelle Perversion?" Er stellt dieFragen, doch er gibt höchstens am äußersten Rande Antworten.
Wonach aber primär zu fragen wäre: Welche Funktion hat das Sexuelle in derVolkserzählung?
In der Literatur urteilt man über Pornographie unterschiedlich, die Gerichte hal-ten sich zumeist an vermeintliche künstlerische Kriterien.
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