Jahrgang 
91 (1988) / N.S. 42
Seite
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Chronik der Volkskunde

Symposion: Die Zukunft des Erinnerns

Der Beitrag von Museumswissenschaft und Museumspädagogik zur Entwicklungdes Museumswesens. Geozentrum Hüttenberg vom 25. bis 27. März 1988.

Das vom Landesverband der Kärntner Volkshochschulen, der Förderungsstelledes Bundes für Erwachsenenbildung für Kärnten( der für die perfekte Organisationzu danken ist), dem Institut für Fernstudien sowie der Kulturabteilung des Amtesder Kärntner Landesregierung veranstaltete Symposion fand im Geozentrum Hüt-tenberg statt; Hüttenberg ist eine Gemeinde, die durch die Schließung des Erzberg-werkes vor der Notwendigkeit steht, andere Wirtschaftsbereiche zu entwickeln, vorallem den Tourismus, auch mit Rückgriff auf die vorhandene bauliche und kulturelleSubstanz des Erzbergbaus. Die Musealisierung dieser Region war ein anregenderRahmen für eine Museumstagung.

Nach der Eröffnung durch Landeshauptmann Wagner hielt der Erziehungswissen-schaftler Horst Rumpf( Universität Frankfurt) das erste Hauptreferat mit dem Titel: Die Gebärde der Besichtigung: Gebärden sind körperlich manifestes Gehabe",das gelernt werden muß. Bei der Aneignung des kulturellen Erbes( Kultur ist symbo-lische Reproduktion) wird die Gebärde der Besichtigung immer wichtiger. DieserBesichtigungsblick wird dann bewußt wahrgenommen, wenn sich durch einenSchock( d. h. die Gewöhnung wird durchbrochen) der Alltagsblick in den Besichti-gungsblick wandelt. Rüsen bringt das Beispiel eines Museumsbesuches, bei dem einezuerst als Besucherin wahrgenommene Person sich als Gipsfigur, also als Ausstel-lungsobjekt entpuppt. Der Schock verursacht das Umschalten" vom Alltagsblickzum Museumsblick; eine Realität- der Alltag- schlägt in eine andere Realität-nämlich das Museum-um. Wir ,, blicken" auf eine bestimmte, kulturell fixierte Artund Weise, manchmal durchbrochen vom ungebärdigen Blick", der uns bisweilendie Augen öffnet. Vermittelt wird uns der Blick aber immer mehr durch die Sprache,die betrachteten Objekte werden erklärt und damit auf Distanz gebracht und über-höht: Die Informationssprache präpariert die Objekte zu Trophäen." In letzterKonsequenz löst sich der Besichtigungsblick vom Körper; das Auge wird körperlos,die Objekte werden zu Phantomen. Aufgabe der Museumspädagogen und Austel-lungsgestalter wäre es, die Aufmerksamkeit auf das Publikum und dessen Sinne zulenken, d. h. nicht sich zu überlegen,, wie man beim Publikum landen könne, son-dern die Erfahrungen des Publikums als Ausgangspunkt zu nehmen. Aus Trophäenkönnen Spuren werden, erfahrbar gemacht an Brüchen und Aufrauhungen.

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