Jahrgang 
91 (1988) / N.S. 42
Seite
253
Einzelbild herunterladen
 

Öffentliche Todesanzeigen( Flugblatt- Nekrologe) in Südosteuropa

Ein Beitrag zum Verhältnis zu Tod und Trauer

Von Klaus und Juliana Roth

*

Der Tod ist in den westlichen Gesellschaften ins Abseits geraten. Diese Gesellschaft spart den Tod aus, schrieb Peter Härtling1976. Ich bin kein Soziologe, nicht kundig in der Feldbeschrei-bung. Ich merke nur, daß der Tod in meiner Umgebung gar nichtvorkommt; daß es ihn gibt, daß er mir auf Büttenpapier und in derZeitung angezeigt wird, und daß er gleichwohl nicht da ist. Er bleibtNachricht, die einen betreffen kann, aber er rückt nicht auf einenzu"( Härtling 1976: 9).

Diese Verdrängung des Todes, des Sterbens und der Toten ausdem alltäglichen Leben ist von zahlreichen Autoren konstatiertworden; Ariès nannte den Tod das Tabu des 20. Jahrhunderts",einen, verbotenen Gesprächsgegenstand"( Ariès 1975), vor den,wie auch andere Autoren bemerken, die modernen Gesellschafteneine Kommunikationshemmung gestellt haben( Gorer 1965;Schmied 1985; vgl. Fuchs 1971: 177). Wenngleich die Ausgliede-rung des Todes auf fast allen Gebieten zu beobachten ist, so lassensich doch vier zentrale Bereiche ausmachen, in denen sie besondersbemerkbar und auch folgenschwer ist:

1. Die Aussonderung des Todes, des Sterbens und der Toten ausder täglichen sichtbaren Alltagswelt und aus dem Alltagsleben.Unbezweifelt ist, daß der Tod durch die Fortschritte der Medizinund der Hygiene tatsächlich seltener und damit weniger alltäglichgeworden ist; darüber hinaus ist aber sein, Management" weitest-gehend von der Familie in die Hände von spezialisierten Personen

253