Jahrgang 
91 (1988) / N.S. 42
Seite
226
Einzelbild herunterladen
 

von den Erzählungen der anderen Länder- wobei zu berücksichtigen ist, daß eineÜbersetzung meist hinter dem Original herhinkt-, sondern sie bieten zum Teil auchFassungen, die in den spanischen Sammlungen nicht nachweisbar sind. Lediglichzwei kurze Geschichten sind offensichtlich den Leyendas de España" von AntonioJimenez Landi( Madrid 1963) entnommen.

Wie die Titelgeschichte- mit Der Königssohn, die Hexe und der Engel" zu über-tragen, so fehlen auch einige andere Stücke im Index of Spanish Folktales"( FFC 90) von Boggs. Es handelt sich dabei überwiegend um Sagenmärchen oder insMärchenhafte überführte Exempel, wie die bekannte Geschichte vom Eremiten unddem Engel.( Dieser mittelalterlichen Legende ist hier der Teufel als tertius gaudenshinzugefügt).

Es ist unwahrscheinlich, daß der Autor andere Versionen bearbeitet hat; dagegenspricht nicht nur die stilistische Gestalt mit einer Betonung des Umgangssprachli-chen, ebenso verweisen grammatikalische und erzähltechnische Fehler auf eineÜbernahme aus der Oraltradition. Aber woher hat Martínez Bonet dann seine Textegeschöpft?

Die drei Seiten umfassende Einführung ist klug und nüchtern gehalten, sachlichrichtig gesehen, jedoch zweifellos für einen Leserkreis bestimmt, der von Volkshte-ratur nichts weiß.

So gewinnt man den Eindruck, daß hier lediglich eine Anthologie volkstümlicherGeschichten als Lesestoff für ein Publikum vorgelegt werden sollte, das sich fürEuropa und seine Völker interessiert. Die getroffene Auswahl zeigt, daß der Autoreinen guten Überblick über unsere Märchen hat und echt von fragwürdig zu unter-scheiden versteht.

Es bleibt das Rätsel bestehen, wie er an jene spanischen Volkserzählungen gekom-men ist, die uns bisher unbekannt waren.

Felix Karlinger

Ranjana Usai, Contes orales bengales. Bhowanipore 1986, 216 Seiten,4 Tafeln( Lichtdr.).

Die Autorin greift sowohl auf Texte zurück, die ihr Großvater noch als Studentaus der mündlichen Überlieferung gesammelt hat, wie auf Geschichten, die sie selbstmit dem Magnetophon aufgenommen hat. Beiderlei Texte zeigen deutliche Unter-schiede: Die älteren Erzählungen sind nicht nur- wohl durch die Stilformung des-sen, der sie notiert hat- geschmeidiger und geradliniger, sondern sie haben nocheine Stärke und Fülle in Form des Wunderbaren, das dem Zuhörer unmittelbarerentgegentritt. Sie sind reicher als Spiegel einer vielgestaltigen Umwelt und einerebenso figuralen Jenseitswelt. Sie sind ernsthafter und verträumter, und sie enthal-ten einzelne Geschichten, welche die Spannung bis zum Schluß nicht auflösen. Ja, esgibt zwei Erzählungen, die wie Fragmente wirken, weil man letzten Endes nichterfährt, was aus dem Helden geworden ist.

Die neueren Geschichten quellen an Nebenepisoden über, die eigentlich für dieHaupthandlung unwichtig bleiben; doch scheint die Freude am Detail den Erzählerselbst zu beherrschen.( Freilich müßte man sich da fragen, ob nicht der, Großvater*-

226