meistens oben in den Bergen bei den Schafen auf und brachen nach ein paar StundenNachtruhe wieder auf." Überdies war es für Frau Klaar leichter, mit den Frauen insGespräch zu kommen. Man darf also annehmen, daß das Erzählrepertoire von Les-bos mit den 120 Texten keineswegs erschöpft ist.
Wichtig ist auch die folgende Mitteilung:„ Übrigens stört das Tonbandgerät dieredegewandten Griechen meistens nicht allzusehr- es gefällt ihnen sogar, die eigeneStimme zu hören. So lud mich ein älteres Hirtenpaar einmal zu sich ins Haus ein.Nachdem der Mann sein Märchen im rauhen Idiom eines äolischen Ziegenhirten vor-getragen hatte, wollte seine Frau sein Märchen hören. Ich ließ also mein Tonbandlaufen, und als die Frau die Stimme zu hören bekam, fingen sie und ihr Mann zulachen an. Sie lachten, lachten, schlugen sich vor Freude auf die Knie. Die Frauhockte am Boden, ergriff vor Aufregung mein Fußgelenk und schüttelte es“( S. 183).Die Texte sind vorzüglich übersetzt und vermitteln nicht nur einen Eindruck vonder dichten Atmosphäre der Erzählsituation, sondern auch von dem lebhaften Stilund den sprachlichen Eigenheiten, mit denen die Geschichten geboten werden.
Da die Erzähler zum Teil Flüchtlinge aus Anatolien waren, sind sowohl ins Sprach-liche wie ins Motivische türkische Elemente eingeflossen. Gerade hinsichtlich derMotive lassen sich Verbindungen weiter ins Asiatische hinein- bis zu Stoffen indi-scher Provenienz- beobachten; das mag teilweise auch die archaische Haltung man-cher Märchen dieses Bandes erklären.
Es ist hier nicht der Platz, zu den einzelnen Märchen, deren motivische Streuungsehr breit ist, etwas zu sagen. Ein Vergleich mit Varianten im balkanischen Raumspricht für größere Originalität der lesbosischen Versionen. Nur bei einzelnen Tex-ten dürften ältere Fassungen in Vergessenheit geraten sein, so etwa in der Titelge-schichte des Bandes die magische Funktion der Pantoffel, welche es dem ins Gefäng-nis geworfenen Mädchen erlauben, freizukommen und eine Begegnung mit demKönigssohn herbeizuführen.
Der Band- um 22 Seiten kluger Anmerkungen bereichert- ist der schönste vonden vier Bänden griechischer Märchen, welche Marianne Klaar vorgelegt hat. SeineTexte zu lesen, ist ein Vergnügen, und das Nachwort bedeutet ein Lehrstück für dieVolkskunde.
Felix Karlinger
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Eine
Johann Pögl, Die Geschichte von Syndipa dem Philosophen.rumänische Volksbuchversion des Sindbad- Nāme(= Studien zur RumänischenSprache und Literatur, Heft 8). Salzburg 1988, 103 Seiten.
„ Beachtenswert erscheint der Umstand, daß der Erstdruck des Sindipa- Romansim dazumal österreichischen Siebenbürgen erfolgte, wo dann auch noch während derersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts die Drucklegung und Veröffentlichungvolkstümlicher Texte auf die Buchdruckzentren Sibiu( Hermannstadt) und Braşov( Kronstadt) beschränkt blieben."
1802 ist die rumänische Ausgabe des Sindipa gedruckt worden, die der hier vonPögl gebotenen ersten deutschen Übersetzung zugrunde liegt. Dieser altorientali-sche Glossar ::: zum Glossareintrag sche- vermutlich persische- Erzählkomplex hat die Leser und Zuhörer vielereuropäischer Länder fasziniert, wenn auch seine Rezeption im Süden des Konti-
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