Südungarn) stammen. Wanddecken mit gestickten Inschriften sind auch bei denDeutschen nicht unbekannt( vgl. etwa: Eva Stille, Trautes Heim, Glück allein.Gestickte Sprüche für Haus und Küche. Frankfurt/ Main 1979). Von E. Stille erfah-ren wir, daß die Wanddecken zuerst in den Häusern der wohlhabenden deutschenBürger erschienen sind und ihre Motive aus der deutschen Geschichte beziehen.Sogar Schiller- und Goethe- Zitate sind auf den Wanddecken zu finden. In ihrer Ver-breitung spielten die bekannten Fachleute Jakob Falke( Wien) und Julius Lessing( Berlin) eine bedeutende Rolle. In schlichter Form und mit anspruchsloserem Inhalttrat um die Jahrhundertwende die Wanddecke auch in Arbeiter- und Bauernwoh-nungen auf. Bald war sie auch in anderen Ländern Europas, so auch in der österrei-chisch- ungarischen Monarchie verbreitet. Daran waren vor allem die Handarbeits-geschäfte sowie die Wochen- und Jahrmärkte maßgeblich beteiligt. Die Bilder undInschriften wurden von den Frauen auf vorgedrucktem Stoff meist mit blauem Fadenausgestickt. In den Arbeiter- und Bauernwohnungen diente die Wanddecke alsWandschutz und Dekoration zugleich, hatte aber natürlich moralische Implikatio-nen. Heute sind die Wanddecken allerdings kaum mehr in Mode, neue Stücke wer-den nur selten angeschafft. Neben religiösen Szenen und Inschriften sind meist Mah-nungen in bezug auf Ordnung, Reinlichkeit, Gastfreundschaft oder auf das Verhal-ten des Ehemannes zu sehen. Gelegentlich wird glückliche oder unglückliche Liebedargestellt oder die Stimmung von Volksliedern reproduziert. Auf anderen Wand-decken sieht man den wackeren Soldaten des Ersten Weltkrieges, Kaiser Wilhelmoder Franz Joseph oder auch die Landkarte von Rumpf- Ungarn. Das Letzte Abend-mahl von Leonardo da Vinci erscheint in Begleitung religiöser Texte, ab und zu fin-den sich Motive niederländischer Ofenkacheln. Der Text kann irgendeine Küchen-weisheit, ein Liebesgedicht, ein Volkslied usw. sein, steht aber nicht immer im Ein-klang mit dem dargestellten Bild. Die gestickten Wanddecken sind reduzierte Abbil-der, kitschige Surrogate von Ölgemälden. Sie verbreiteten sich zunächst in denBevölkerungsschichten, die der Bauernschaft bereits entwachsen, in der städtischenBürgerschaft jedoch noch nicht integriert waren. In der Zwischenkriegszeit kommensie immer häufiger in Bauernküchen vor. Einer der Mitverfasser, E. Hankiss,behauptet in seinem Beitrag, die Illustrationen und Inschriften der Wanddeckenseien nicht familien-, sondern frauenzentriert. Fast nie komme die Frau in der Rolleder Familienmutter vor. Umso häufiger- in 473 von 1000 Fällen- werden hingegendie Beziehungen zwischen Mann und Frau, die Liebe oder die Ehe, behandelt. Ver-mutlich deuten die Wanddecken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Ungarnauch auf die wachsenden gesellschaftlichen Ambitionen der Frauen hin.
All dies möchte ich mit der Beobachtung ergänzen, daß in den Bauernhäusernschon zu Beginn des 19. Jahrhunderts gedruckte religiöse Texte( z. B. der Haus-segen) vorkamen. In der Gegend von Szeged hängt an der Stubenwand neben denHeiligenbildern( nicht selten auch heute noch) das Porträt von Franz Joseph, KaiserWilhelm, Kronprinz Rudolf, Lajos Kossuth oder Kaiserin Elisabeth. Die beidenletzteren werden mit einem Trauerflor geschmückt, wie er auf Hüten getragen wird.Derartige Bilder im Ölfarbendruck wurden von Wanderhändlern aus Kärnten feil-geboten. Häufig kommen auch deutsche oder italienische Inschriften vor. Ebenfallsin der Gegend von Szeged gab es an der Hauswand unter dem Wetterdach oder inder Küche Wandgemälde mit kirchlichen oder weltlichen Szenen. Diese dürftenallerdings den Wanddecken wohl kaum vorangegangen sein. Die kalte Rauchküchemit offenem Feuerherd war für Wandbemalungen nicht geeignet, daher war die
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