Jahrgang 
91 (1988) / N.S. 42
Seite
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Döllersheimer am meisten hingezogen fühlen, wird deutlich, daß die alten örtlichenStrukturen und Bindungen selbst nach 50 Jahren noch sehr starke Wirkungen zeigenund die Form des Erinnerns und Gedenkens beeinflussen.

Die meisten Aussiedler nehmen die gegenwärtig gegebene Situation des Truppen-übungsplatzes inzwischen als irreversible Tatsache hin, aber die einen wollen dieErinnerungen die alte Heimat wachhalten, wohingegen andere vergessen wollen undeinen Schlußstrich ziehen unter die bedrückende Vergangenheit. Eine Aussiedlerinformulierte es kürzlich folgendermaßen: Zehn, fünfzehn Jahre vielleicht noch,dann wird eh alles aus sein." Mit dem letzten Aussiedler wird auch die Problematikum die ,, verlorene alte Heimat" ins Grab sinken. Zurück bleibt ein riesiger Truppen-übungsplatz mitten im Waldviertel und eine jüngere Generation, die sich mit dieserSituation weiter wird auseinandersetzen müssen.

Nirgendwo als hier, wo jahrhundertealtes Kulturland zerstört und politischen undmilitärischen Zwecken untertan gemacht worden war, ist es angebrachter, der Hoff-nung Ausdruck zu verleihen, daß irgendwann einmal auf der Welt ein Klima herr-schen möge, das es erlaubt, Schwerter zu Pflugscharen" werden zu lassen.

Margot Schindler

Kulturkontakt- Kulturkonflikt. Zur Erfahrung des Fremden.

26. Deutscher Volkskundekongreß in Frankfurt/ Main, 28. 9. bis 2. 10. 1987Der 1979er- Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde stand unter demThema, Heimat und Identität. Mit dem Frankfurter Titel wurde also eine direkteKontrastsetzung erreicht- allerdings wohl mehr zufällig, denn Anbindungen an diedamaligen Ergebnisse ergaben sich kaum. Themengemäß mußte diese Tagung inter-disziplinärer ausgelegt sein als frühere Kongresse. Entsprechend plädierte die Aus-richterin, Ina- Maria Greverus, in ihrem schillernden öffentlichen Abendvortrag Kulturdilemma. Die nahe Fremde und die fremde Nähe über Zwangslagen in dereigenen Kultur, die nicht durch Harmonisierung lösbar sind, für eine Aufhebung derTrennung von Volkskunde, Ethnologie, Sozialanthropologie und Ethnoanthropolo-gie. Die interdisziplinäre Akzentuierung erweiterte zwar den wissenschaftlichenHorizont, beeinträchtigte jedoch die Selbstdarstellungsmöglichkeit volkskundlicherForschungsergebnisse, für die der alle zwei Jahre stattfindende DGV- Kongreẞ jaauch fachrepräsentative Verpflichtungen hat. Erwägen sollte man als Alternative( nicht Dauereinrichtung) die Durchführung einer Tagung ohne thematischenSchwerpunkt, bei der jeder nur über den Bereich referiert, in dem er eigene For-schungen aufzuweisen hat. Diese Praxis würde auch ein allzu durchsichtiges Hin-quetschen" eigener Interessengebiete auf eine kongreßthemagemäße Formulierungfür all jene, die sich um jeden Preis profilieren zu müssen glauben, eliminieren. Der-artige Überlegungen rücken einen bereits in die Nähe der umfassenderen Kongreẞ-kritik des Satirikers Gabriel Laub: 1. Jeder Kongreßteilnehmer kann lesen. Mankönnte also die Referate im voraus zuschicken, und die Kongreßteilnehmer könntendann gut vorbereitet zur Tagung kommen und fruchtbar diskutieren. 2. Die Erwar-tung, daß bei einem Kongreẞ irgendein Einstein eine revolutionäre Theorie verkün-det, ist sehr gering. Und schließlich hat Einstein seine bahnbrechenden Studienzuerst in Fachpublikationen veröffentlicht. 3. Außerdem muß jeder Referent damitrechnen, daß sich unter den Teilnehmern des Kongresses höchstens zehn oder zwölf

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