Lutz Röhrich, Wage es, den Frosch zu küssen!- Das Grimmsche MärchenNummer eins in seinen Wandlungen. Köln, Eugen Diederichs Verlag, 1987,168 Seiten, Abb.
Bei einem Spezialisten seines Faches wird man stets mit großen Erwartungen anein neues Werk herantreten, und man wird bei Röhrich auch diesmal nicht ent-täuscht. Die gebotene lockere Form täuscht darüber hinweg, welche Arbeitsleistungsich dahinter verbirgt, ist doch ein immenses Material nach vielerlei Aspekten analy-siert und dargeboten.
Der erste Teil des Buches bietet die eigentliche Auseinandersetzung mit demMotiv, der zweite Teil in ,, Variationen über den Froschkönig“ Textbeispiele. Abbil-dungen zum Thema sind über den ganzen Band verteilt.
Von der Entwicklungsgeschichte des Grimm- Textes führt der Autor über Form,Stil und Struktur zum besonders interessanten Kapitel„, Sing- Verse". Weiter geht esüber Historisches und Kulturgeschichtliches zu soziologischen, psychologischen undfunktionellen Aspekten, wobei wiederholt die Bedeutung der Rolle von Reifungs-vorgängen und erotischen Elementen herausgestellt wird. Symbolische Hinter-gründe werden ebenso aufgeschlüsselt, wie die Frage der Illustration und Bildfunk-tion bis in Detailfragen hinein verfolgt wird.
Es geht Röhrich offensichtlich nicht ,, nur" um eine Motivuntersuchung, vielmehrwill er im breiten Maße die Auswirkung der diesem Märchen zugrundeliegendenVorstellungen und ihre Resonanz in unserer Welt des 20. Jahrhunderts diskutieren.Er hat dabei klar erkannt, daß der Zug, aus dem Märchen einen Schwank zu machen,dominiert. ,, Froschkönig- Witze, Parodien und Travestien" bilden ein Kernkapitel,und man wird wohl bei kaum einem anderen Märchen eine derart starke Tendenzzur Karikierung und Ironisierung finden.
Es braucht wohl nicht bemerkt zu werden, daß die Interpretationen von Röhrichgescheit und das Wesentliche treffend sind. Zu einzelnen Punkten wird man ihmbesonderen Dank schulden, daß er Zusammenhänge erkannt hat, die bisher zumeistübersehen worden sind, und bei anderen mag man ein Fragezeichen setzen.
Angesichts der Vielzahl der Aspekte vermag der Rezensent nicht dem Werkgerecht zu werden; er kann nur einen Punkt herausgreifen, der vielleicht gerade auchfür unseren Leserkreis besonders interessant ist. In„ Historische Belege, Alter desMärchens" und dem folgenden Kapitel„ Kulturhistorische Indizien" geht der Autormit Akribie jenen Quellen nach, die uns über die Stoffgeschichte zu informieren ver-mögen. Dabei setzt er sich auch mit Deutungen auseinander, die wie TheodorBenfey oder Wolfram Eberhard Hypothesen zur Provenienz des Froschmärchensversucht haben. Den Fakten und ihrer Auslegung ist sicher nichts hinzuzufügen.Man wird Röhrich auch zustimmen, wenn er sich äußert:„ Der Froschkönig hat auchmit, froschgestalteten Dämonen*... nichts zu tun... Mit Sicherheit ist der Frosch-könig auch kein Herr der Frösche' im Sinne bestimmter Märchen- Tierkönige oderHerren bestimmter Tierarten, wie Bienenkönigin, Herr der Fische, König derSchlangen usw., obwohl es in der Sage solche Phänomene gibt“( S. 28).
Ist aber nicht vielleicht doch ein Zug im Erscheinungsbild wichtig: die Herkunftaus dem Wasser?
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