Jahrgang 
91 (1988) / N.S. 42
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ist sie nämlich in solchen, beispielsweise vom Land Niederösterreich mit einigerKonsequenz vorangetriebenen Sanierungsvorhaben überhaupt nicht mehr präsent.Sie war es aber doch, die mit ihrer vorigen Forschergeneration das ,, Dorf überhaupterst entdeckt und in vieler Hinsicht aufgeschlossen hat. Muß sie also auch hier undwieder und wieder zusehen, wie andere und nicht einmal benachbarte Fächer ihrheute die Felle davonziehen? Und muß sie sich nicht vielleicht auch fragen, ob ihrejüngeren Vertreter im Sturm und Drang eines verdächtigen Zeiteifers es dahin habenkommen lassen, daß diese wichtige Kulturwissenschaft mit sich selber nicht mehrrecht fertig wird?

Oskar Moser

Johann Kräftner, Naive Architektur II. Zur Ästhetik ländlichen Bauens in Nie-derösterreich. St. Pölten- Wien, Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, 1987,319 Seiten, zahlreiche Schwarzweiß- und Farbfotos, Pläne.

Der Architekt und Fotograf Johann Kräftner ist als Autor mehrerer Veröffent-lichungen über die verschiedensten Gebiete der Architektur bekannt, den ländlichenBauten gehört aber sein besonderes Interesse. Zehn Jahre nach der Veröffent-lichung seines Buches ,, Naive Architektur in Niederösterreich" erschien im Jahr 1987eine überarbeitete und erweiterte Publikation mit dem Titel Naive Architektur II.Zur Ästhetik ländlichen Bauens in Niederösterreich". Wenn hier auch zu Recht gro-Ber Wert auf die ästhetische Betrachtung gelegt wird, ein Aspekt, der in manchenvolkskundlichen Publikationen allzusehr vernachlässigt wird, bringt dieses Buchdennoch viel mehr als nur das, was es im Untertitel verspricht.

In einer feinen, unaufdringlichen Art wird das Wesen und die einfache Schönheitdieser Bauwerke dem manchmal trostlosen, dem Menschen und der Natur entfrem-deten Baugeschehen unserer Zeit gegenübergestellt. Darüber hinaus bringt derAutor eine fundierte Übersicht über die Siedlungsformen, die vielfältigen Hoftypen,die Wirtschaftsbauten und bespricht Das Haus und seine Elemente": Der Hof-Die Innenräume- Das Vorhaus- Die Küche- Die Stube Das Fenster- Türund Tor Die Fassade Der Baukörper. Weiters sucht er nach den Vorbildernfür die bäuerliche Architektur, und anschließend setzt er sich mit, Licht und Schat-ten auf weiß und bunt" bei der Gestaltung dieser Architektur auseinander.

Es ist allerdings schade, daß sich der Autor der üblichen Praxis wissenschaftlicherBücher entzieht, indem er auf das vollständige Zitieren( mit der Angabe des Buchesund der Seite) und auf einen Anmerkungsapparat verzichtet, was dieses Werk fürdie Fachkollegen sicherlich nützlicher machte. Es wäre auch empfehlenswert, auf dielängst überholten Begriffe, wie, fränkischer Streckhof des Ostens( S. 80), fränki-scher Grundriẞtyp( S. 89), bairische Haustypen( S. 94), zu verzichten, war esdoch gerade der aus der niederösterreichischen Hausforschung nicht wegzuden-kende Adalbert Klaar, der schon 1942 die sich auf ethnische Grundlagen berufendenBezeichnungen fränkisch und bajuvarisch anzweifelte( siehe: Aufgaben undZiele einer technischen Hausforschung. In: Wiener Zeitschrift für VolkskundeXLVII, 1942, S. 32-44).

Ein trotz dieser Kritik gelungenes Buch, ein Plädoyer für die volkstümlicheArchitektur in Niederösterreich, das uns in einer feinsinnigen Art mit dem länd-lichen Bauen vertraut macht, wobei der Text durch aussagekräftige Fotos des

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