Christine Kirlinger, Dorferneuerung in Österreich. Ein Überblick(= Land-technische Schriftenreihe, Heft 132/1986). Wien, Österreich. Kuratorium fürLandtechnik, 1986, 105 Seiten, 24 Abb. mit Karten und Diagrammen.
Das„ Dorf" von gestern gibt es nicht mehr, wie es uns etwa P. Rosegger, Mich.Unterlercher, K. Fiala, F. J. Gstrein, H. Barbisch und viele andere beschriebenhaben. Sein fundamentaler Gestaltwandel innen wie außen ist die Folge von unzäh-ligen Struktur- und Funktionswandlungen, die wir rundum zwar selbst unmittelbarwahrnehmen, in ihren tieferen und inneren Zusammenhängen und Auswirkungenaber kaum gesamthaft abzuschätzen vermögen. Es braucht darum niemand zu wun-dern, daß neuerdings diese dörfliche Welt nicht nur in der Literatur*„ wiederent-deckt" wurde, sondern auch in Politik und Wissenschaft, wenngleich auch auf Bah-nen und mit Zielen, die nur wenig akkordiert erscheinen. Das zeigt mit aller Deut-lichkeit auch diese kleine, an sich sehr nützliche Schrift, eine Diplomarbeit des Insti-tuts für Rechtswissenschaften(!) unter der Leitung von Univ.- Prof. Dr. Josef Kühnean der TU Wien.
Im Zeitalter wachsender Mobilität unserer Industriegesellschaft erleben wir alleden gewaltigen Veränderungsschub, der namentlich in den letzten dreißig Jahrenunsere ländlichen Räume in allen Dimensionen vom rein Materialen bis zum Kul-turalen und bis zur Geisteshaltung des einzelnen erfaßt hat. Allenthalben sieht manjetzt ein, daß dieser ländliche Raum, der sich gewiß nicht einfach unter dem einenBegriff ,, Dorf" wird subsumieren lassen, zu einem gravierenden Problemgebiet fürdie verschiedenen Länder, ja zu einem Krisenfall zu werden droht. Und von dieserErkenntnis geht auch die vorliegende Schrift aus, die sich allerdings auf die Situationdes„, Dorfes in Ostösterreich, vor allem in Niederösterreich, beschränkt und die ausderen Analyse heraus versucht, Voraussetzungen und Möglichkeiten einer ,, Dorfer-neuerung als Entwicklungsstrategie" zu skizzieren und am Fallbeispiel Niederöster-reich mit vier untersuchten Orten den aufgezeigten Weg zu demonstrieren.
Die Verfasserin dieser Schrift geht aus von den Entwicklungen im ländlichenRaum, die zur heutigen Situation des Dorfes in Österreich geführt haben, und leitetdaraus für den Westen Österreichs die Notwendigkeit einer„,( Raum-) Ordnungsstra-tegie“, für Ostösterreich dagegen eine solche der„ Entwicklungsstrategie" mit viel-fältigeren Problemen ab. Sie verfolgt daher in sehr stark geraffter und wohl auchübermäßig generalisierter Form Planungskonzepte für die Zukunft, die sowohl zeit-lich wie auch räumlich und inhaltlich aufeinander abgestimmt werden müßten. Zielwäre nach ihr eine„ Harmonisierung" aller dabei ins Auge gefaßten Maßnahmen bishin zur Legistik und Finanzpolitik in Gemeinden und Ländern, denn bei all diesenMaßnahmen ginge es nicht nur um Flurbereinigung und Ortsbildpflege allein, son-dern um ein viel breiter ausgefächertes Instrumentarium, dessen zivilrechtlicheAspekte und legistische Grundlagen hier- wie ich glaube- sehr zu Recht herausge-stellt werden. Die Volkskunde der Gegenwart ist sicherlich gut beraten, wenn sie beialldem in ihren Projekten und Vorhaben regionaler und lokaler Feldforschungenvon heute dieses knappe ABC solcher Entwicklungsplanung von anderer Seite( Raumplaner, Architekten, Bautechniker, Juristen, Bau- und Planungsämter usf.)überlegt und mitbedenkt. Wie schon das anschließende Literaturverzeichnis zeigt,
* Das Vorwort verweist schon, stellvertretend für viele ähnliche, auf Marie LuiseKaschnitz, Beschreibung eines Dorfes. München- Zürich 1986.
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