Jahrgang 
91 (1988) / N.S. 42
Seite
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In jener Welt, in der man Weihnachten feiert, richten Museen gerne Puppenaus-stellungen für ihre jüngsten Besucher ein. Doch wenn das Österreichische Museumfür Volkskunde seine diesjährige Weihnachtsausstellung Jiři Trnka widmet, ist dasmehr als kluge Maßnahme zur rechten Zeit. In einem seiner Puppenfilme wurdendie Geschehnisse von Bethlehem nachgespielt, im ländlichen Gewand Böhmens.Noch kurz vor seinem Tod plante er die Verfilmung eines Weihnachtsspiels nach ba-rocken Vorlagen. Und außerdem erzählt man sich, daß Jiři Trnka nach der Nazi-Okkupation Prags mit einem Plakat bei den Besetzern Mißfallen erregte, das dieHeilige Familie mit dem Jesuskind zeigte- in jener Weise, die als entartete Kunstverfolgt wurde.

Da die neuen Puppenfiguren der Fernsehserien fast ausnahmslos aus den StudiosKaliforniens und Japans kommen, tun wir heute gut daran, uns auch der europäi-schen Erfindungen zur Freude und zum Nutzen der Kinder zu vergewissern. Trnkaschöpfte aus dem großen europäischen Fundus, aus Shakespeare und Goldoni, ausAndersen und der tschechischen Nationalliteratur. Das Bekenntnis zur Fülle deseigenen, verbunden mit einer gesamteuropäischen Bildung, hat die Künste und dasKunsthandwerk der Tschechischen Republik rasch aufblühen lassen. Diese Repu-blik wurde, wie die österreichische, von innen und außen her kaputtgemacht, dochTrnka gelang es, das kulturelle Erbe im verkleinerten Maßstab über den Krieg hin-aus zu bewahren- und auch im neuen Staat zu mehren. Wir wollen heute nicht erfor-schen, wer was versäumt hat doch Jiři Trnka sollte längst schon unser gemeinsamerBesitz sein.

Zwischen Punkt und Puppen

Erhard Busek

Eine handfeste Diskussion über Kommerz und Poesie des Trickfilms beim Trick-filmsymposium im Österreichischen Museum für Volkskunde am 29. 11. 1987 anläẞ-lich einer Sonderausstellung über den tschechischen Trickfilmer Jiři Trnka und seineNachfolger.

Zwei sehr gegensätzliche Auffassungen von Film- und insbesondere von Trick-film- gerieten an diesem Sonntagvormittag heftig aneinander. Ausgehend von ver-schiedenen Filmbeiträgen, die durch Referate ergänzt wurden, ließ die Diskussionnur wenig von dem unberührt, was es an Grundsätzlichem zu sagen gab und wurdezu einem pointierten wie erregten Wortgefecht zwischen Vertretern des avantgardi-stischen und kommerziellen Trickfilms.

Eröffnet wurde das Symposium knapp nach 10 Uhr morgens durch ein informati-ves Referat von Honza Stribal, dem Leiter des tschechischen Trickfilmstudios inPrag, das in drei Studiokomplexen mehr als 120 Trickfilme pro Jahr herstellt- unddessen Gesamtproduktion mittlerweile mehr als 1100 Filmtitel umfaßt. Im Gegen-satz zu den Disneystudios in den USA wird, so Stribal, stets Wert darauf gelegt,keine eindeutig identifizierbare Handschrift erkennen zu lassen. Von Anfang anwar es das Bestreben der Studioleitung, alle Stilelemente- Techniken des Trickfilmsgleichermaßen anzuwenden, wenn auch nicht zuletzt durch die lange Tradition,die Jiři Trnka begründet hatte- die Puppenanimation zur wichtigsten Disziplin dertschechischen Trickfilmstudios zählt. Vor allem sind es die Themen aus der

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