Literatur der Volkskunde
Andrea Graf: Sinterklaas und Zwarte Piet in Blomberg Lippe.Integration, Gestaltung und Wandel des niederländischenNikolausbrauches(= Münsteraner Schriften zur Volkskunde/Europäischen Ethnologie, Bd. 3). Münster u.a.: Waxmann, 2010, 162 Seiten.
In ihrer Münsteraner Magisterarbeit hat sich Andrea Graf mit Fragender Transformation eines Brauches auseinandergesetzt und dabei einlokales Fallbeispiel Nikolaus in der Stadt Blomberg( Ostwestfalen-
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Lippe) gewählt, dessen Veränderungen sie bis Mitte der 1960er Jahrezurückverfolgt hat. Im Zentrum der Arbeit stehen sowohl der Wandelals auch die gegenwärtigen Funktionen des Brauches. Die Autorin hatfür das Format einer Magisterarbeit hier einen großen Fokus gewählt,der in der folgenden Realisierung dann mitunter zwangsläufig eher ander Oberfläche bleibt und nur wenige analytische Zugänge offeriert. Kri-tisch ist der breit gewählte Ansatz aus forschungspraktischen wie theo-retischen Gründen. Ein Blick auf die inhaltliche Gliederung der Arbeitmag dies verdeutlichen: In der Einleitung, die es im Übrigen auch ver-säumt, eine klare Fragestellung mit problematisierenden Thesen zu ent-wickeln, erläutert die Autorin,» der historische Teil«<( S. 12) der Arbeitberuhe in erster Linie auf der Auswertung von Presseberichten. Nichtnur, dass hier ein relativ begrenzter Horizont historischer Forschungvertreten wird, es fehlen auch quellenkritische Überlegungen weitest-gehend. Schließlich sind Presseberichte zwar relevante Quellen, die vorallem die offiziellen Deutungen und Zuschreibungen sichtbar machen,sie lassen aber nur begrenzte Schlüsse auf die Funktionen des Brauchesfür die Brauchakteure selbst zu. Ebenso ist die performative Dimensiondes Brauches durch Zeitungsquellen nur sehr bedingt rekonstruierbar.
Ähnliches gilt auch für den gegenwartsorientierten Teil, für den dieAutorin mittels teilnehmender Beobachtung Daten erhoben hat. In derempirischen Umsetzung jedoch finden sich überwiegend Daten aus dengeführten leitfadengestützten Interviews. Dass Graf die interviewtenPersonen nicht mit Pseudonymen versehen und lediglich durchnumme-riert hat, erschwert die Lektüre ein wenig, zumal außer dem Geschlechtund dem Alter häufig nicht klar wird, aus welchen Kontexten heraus diebefragten Akteure argumentierten. Auch hier fehlen quellenkritischeÜberlegungen ebenso wie eine konsequente Problematisierung von Per-formanz auf der einen und Deutung auf der anderen Seite, wie sie etwader in der Arbeit zitierte niederländische Ethnologe John Helsloot in
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