Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde113 (2010) / N.S. 64Wietschorke, Jens: Sakraler Raum, Politik und die Ordnung der Heiligen

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Sakraler Raum, Politik und die Ordnung der Heiligen : ein Rundgang durch die Wallfahrtskirche Mariahilf in Wien
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Jens Wietschorke, Sakraler Raum, Politik und die Ordnung der Heiligen

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welche neben den vier lateinischen Kirchenvätern Augustinus, Ambro-sius, Hieronymus und Gregor auch nochmals Petrus und Paulus abbil-den. Sie stellen eine Alternative zu den zwölf Apostelfiguren dar, die anden Mittelschiffpfeilern bzw. Säulen vieler anderer Kirchen anzutreffensind und die ebenfalls als» Säulen der Kirche«< fungieren. Die beiden Ka-pellenräume unter den Türmen deren Ausstattung erkennbar neuerenDatums ist:- sind ganz dem Thema der Wallfahrt gewidmet: Auf derlinken Seite befindet sich seit 1927 eine Lourdes- Grotte mitsamt einerMarienstatue, die während des Ersten Weltkriegs als Andachtsbild fürdie österreichischen Pilger in Lourdes postiert war. 23 Zahlreiche Vo-tivtexte bedecken die Marmorwände des kleinen Andachtsraums. ZurRechten wurde 1956 eine Kapelle zu Ehren der heiligen Hemma vonGurk eingerichtet. Die 1938 heiliggesprochene Patronin war schon langeAnlass einer beliebten Wallfahrt nach Gurk in Kärnten; in der Kapellezeigt ein Gemälde Mariahilfer Wallfahrer auf dem Weg nach Gurk, imHintergrund Stift Admont.

In relativer Nähe zum Eingangsbereich stehen Altäre bzw. Andachts-bilder zweier Heiliger, die als besonders vielseitige Nothelfer des Alltagszum klassischen Inventar des katholischen Kirchenraums gehören: desheiligen Antonius( Altar in der ersten Kapelle links) und des heiligenJudas Thaddäus( Ölbild mit Putti in der ersten Kapelle rechts). Antoniusvon Padua gilt traditionell als Nothelfer gegen Dämonen, Schiffbruchund Pest, aber auch gegen deutlich kleinere Übel wie den Verlust vonGegenständen. Darüber hinaus ist er Schutzpatron der Liebenden undEheleute, der Frauen und Kinder sowie der Haustiere, 24 was ihn gera-dezu zu einem Heiligen mit universaler Zuständigkeit macht. Über sei-ne Hilfestellung beim Wiederfinden verlorener Dinge hat der deutscheSchriftsteller Karl Leberecht Immermann ein ironisches Dialoggedichtverfasst, in dem Angehörige verschiedener Berufsstände den Heiligenanrufen, woraufhin dieser ihnen- verbunden mit einer kleinen morali-schen Belehrung- zeigt, wo sie ihr Hab und Gut zu suchen hätten. ZumSchluss heißt es:» Gelobt sei Anton aller Welt,/ Es ist ihm nichts einRäthsel! Die Ell'n, die Riem', die Strümpf', das Geld,/ Die Bücher,Brillen, Schätzel/ Gab er zurück, und obendrauf/ Moralien noch in den

23 Vgl. Posch( wie Anm. 22), S. 14.

24 Vgl. z. B. Sabine Poeschel: Handbuch der Ikonographie. Sakrale und profane The-men in der bildenden Kunst. Darmstadt 2005, S. 217.

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