Jens Wietschorke, Sakraler Raum, Politik und die Ordnung der Heiligen
lenthalben an den Aufbau der zerstörten Vorstädte. Als man den Schuttunserer kleinen Wallfahrtskapelle auf dem Friedhofe wegräumte, fandman unter vollständig von den Flammen verzehrten Votivbildern eines,das fast unversehrt geblieben war. Dasselbe befindet sich jetzt in der so-genannten Mater- Salvatoris- Kapelle über der Sakristei. Man nahm denFund als ein Zeichen des Himmels und überbot sich an Spenden für dieneu zu erbauende Wallfahrtskirche«. 16 Diese zwei Begebenheiten ver-binden sich hier also zu einer Erzählung von der allen Stürmen trotzen-den und daher schützenden Muttergottes als Patronin der MariahilferWallfahrt und der Stadt Wien überhaupt.17 Kernelement all dieser Ge-schichten bleibt der Verweis auf die» numinose Herkunft der> Gnaden-stätte<<<, 18 also die Herleitung des heiligen Ortes und des heiligen Bildesaus einer Art Konservierungswunder. Die derart als wundertätig ausge-wiesenen Gnadenbilder und ihre heilige Entourage empfahlen sich denGläubigen zur dankbaren Verehrung und forderten Anrufung, Fürbitteund Nachfolge im Sinne der vier Grundfunktionen der Beziehung zumHeiligen: devotio, invocatio, intercessio und imitatio. Sie präfigurierten aufdiese Weise ein bestimmtes Muster der» Frömmigkeitsübung«, 19 das andie Kraft des heiligen Ortes gebunden ist, an den die mühsame Wallfahrtführt:>> Gott oder ein ihn repräsentierender Heiliger zeigt sich an einembestimmten Ort( oft in einer bestimmten Gestalt, in einem Bild), wo derGläubige die Gnade in Empfang nehmen kann- es ist nun also ein defi-nierter Ort, wo der Mensch mit dem Jenseitigen in Verbindung tritt<<. 20Gleichzeitig ist der heilige Raum wesentlich als ein Manifestationsortvon Macht definiert, so der Religionsphänomenologe Gerardus van der
16 Die Gnadenmutter zur» Mariahilf«< in Wien 6. Dargestellt anläßlich der Feier des275jährigen Bestandes der Wallfahrt zur Mariahilf im sechsten Wiener Gemeinde-bezirk und herausgegeben vom Salvatorianerkolleg in Wien 6, Barnabitengasse 14.Wien 1935, S. 14.
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Die alte Rahmung des Gnadenbildes zeigt die Muttergottes denn auch schützend ineiner Wolke über der Stadt Wien schwebend. Vgl. die Abbildung in: Ebd., S. 21.Martin Scharfe: Über die Religion. Glaube und Zweifel in der Volkskultur. Köln2004, S. 148.
Ebd., S. 150.
Ebd., S. 148. Zu frömmigkeitsgeschichtlichen Aspekten der Wallfahrt nach Maria-hilf nebst einigen Angaben aus den überlieferten Mirakelbüchern vgl. Gustav Gu-gitz: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Ein topographisches Handbuchzur religiösen Volkskunde in fünf Bänden, Band 1: Wien. Wien 1955, S. 64–66.
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